Ein düsteres Kapitel Polizeigeschichte

<strong>Heimattümelei:</strong> Eine Fotografie von Angehörigen des Polizeibataillons 105 auf Rügen im Jahr 1940.<fotos>dapd</fotos>
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Heimattümelei: Eine Fotografie von Angehörigen des Polizeibataillons 105 auf Rügen im Jahr 1940.dapd

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27. Juni 2012, 10:00 Uhr

Prora/Bremen | Für die Kameras posierten sie vor Rügens Kreideküste, vor Sassnitzer Fischkuttern, dem Schlösschen in Lietzow und auf Bierfässern sitzend beim Pfingstausflug. Es sind kitschige Bilder, die Karl Schneider in privaten Fotoalben von Angehörigen des berüchtigten ehemaligen Bremer Polizeibataillons 105 zu sehen bekam. Doch diese Heimattümelei, sagt er, verberge, auf welche mörderische, ja bestialische Mission sich jene Polizisten 1940 im sogenannten Kraft-durch-Freude-Bad (KdF) der Nazis in Prora vorbereiteten.

Wäre er Historiker oder gar Journalist gewesen, hätte er vermutlich nie das unrühmliche Kapitel deutscher Polizeigeschichte aufdecken können, sagt der Professor für Verwaltungsrecht im Ruhestand. Nur weil er selbst 25 Jahre lang im Polizeidienst gestanden habe, seien vor einigen Jahren die letzten damals noch lebenden Bataillonsangehörigen überhaupt bereit gewesen, mit ihm zu reden. "Es war der Stallgeruch, der mir die Türen öffnete", sagt der 75-Jährige. Die meisten seiner zwölf Zeitzeugen hätten ihn vor "Nestbeschmutzung" gewarnt. "Bereut hatte kein einziger", sagt er.

Schneider zeigt eine Kopie des Marschbefehls vom 30. April 1940. Tags darauf rollte das Bataillon über den damals noch neuen Rügendamm nach Prora, wo die Bauarbeiten am KdF-Bad schon 1939 zu Kriegsbeginn eingestellt waren. Untergebracht in Häusern des Reichsarbeitsdienstes wurden die bislang nur mit Handfeuerwaffen ausgerüsteten, aber schon für den Kampf gegen Demonstranten gedrillten Polizisten im Umgang mit leichten Maschinengewehren ausgebildet.

Einen Monat später wurden die Männer mit dem Truppentransporter "Pionier" zum ersten Auslandseinsatz nach Norwegen verschifft. "In Oslo hatten sie hohe SS-Offiziere und Gefängnisse zu bewachen, Gefangene ins KZ Dachau zu begleiten", sagt Schneider. Eklatante Menschenrechtsverletzungen habe es da aber wohl noch nicht gegeben. Das änderte sich, als die Truppe im Februar 1941 in die eroberten Ostgebiete einrückte. Im Rücken der Wehrmacht hatten sie "den neuen Lebensraum zu befrieden", wie die Zeitzeugen berichteten. Auf ihrem Marsch über Danzig, Königsberg und Riga nach Leningrad gingen die immer mehr verrohenden Männer zunehmend brutaler gegen Partisanen, Kommunisten, Juden und einfache Dorfbewohner vor.

Briefe der Kombattanten, die Schneider analysierte, belegen das Ausmaß der Gräueltaten: "Gestern Nacht 150 Juden erschossen", schrieb der stellvertretende Bataillonsfotograf Hermann G. aus dem lettischen Wenden (Cesis) nach Hause an seine Frau: "Die Juden werden gänzlich ausgerottet, liebe Johanna, mach dir keine Gedanken, es muss sein." Ein anderer Zeitgenosse berichtete im Juli 1941 stolz aus Kursenai, dass jeder Kamerad einen Jude und eine Jüdin als Putze erhalten habe. "Wir brauchen hier nichts mehr zu machen ... die Juden sind Freiwild, jeder kann sich auf der Straße einen greifen."

Vor Leningrad wurde das verstreute Bataillon später immer öfter in reguläre Kämpfe verwickelt. Fotos und eine Schmalfilmrolle belegen, wie die Polizisten Dörfer durchkämmten und systematisch Häuser in Brand steckten. Kommentar auf einer Fotorückseite: "So wird ein Partisanennest nach dem anderen ausgemerzt!" Die Männer seien ohne jede Rücksicht vorgegangen, sagt Schneider. So seien Handgranaten einfach in die Fenster von Hütten geworfen worden, in denen sich Frauen und Kinder aufhielten.

Nach dem Krieg ermittelte die Staatsanwaltschaft Bremen gegen das Bataillon, dessen Polizisten zuletzt auch in den Niederlanden die Deportation von 60 000 Juden mit 67 Zügen ins KZ Auschwitz sicherten. Unter anderem ging es um die Exekution von 58 russischen Soldaten, wie lange Zeit geheim gehaltene Akten beweisen. Die 520 Ermittlungsverfahren des Staatsanwalts mit SS-Karriere wurden eingestellt, unter anderem, weil es sich angeblich um eine Erschießung von bereits zum Tode Verurteilten gehandelt habe.

Nach dem Krieg seien mindestens 70 Angehörige des berüchtigten Bataillons wieder in den Polizeidienst gestellt worden, recherchierte Schneider. Darunter vier Offiziere, drei von ihnen ehemalige SS-Leute. "In meinen Gesprächen hatte kein einziger meiner Befragten auch nur einen Hauch von Betroffenheit gezeigt."

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