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Anwohner befürchten Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität : Ein Dorf wehrt sich gegen Biogas

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Der Widerstand im 60-Einwohner-Ort Rügkamp, einem Ortsteil der Stadt Neukloster, gegen eine geplante industrielle Biogasanlage wächst. "Das gesamte Dorf steht zusammen", sagt Anwohnerin Ines Diener.

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erstellt am 04.Mär.2011 | 08:24 Uhr

Neukloster | Der Widerstand im 60-Einwohner-Ort Rügkamp, einem Ortsteil der Stadt Neukloster, gegen eine geplante industrielle Biogasanlage wächst. "Das gesamte Dorf steht zusammen", sagt Anwohnerin Ines Diener. Gemeinsam mit 15 weiteren Rügkampern kam sie in dieser Woche in die Stadtvertretersitzung, um den Unmut über das Vorhaben zu äußern. Die Bewohner sorgen sich um Lärm- und Geruchsbelästigung, Straßenverschmutzung, Folgen der Monokultur durch zunehmenden Maisanbau und um Gesundheitsrisiken. "Für uns sind das tickende Zeitbomben", sagt Diener.

Investor C4energie will neben einer kleineren bereits bestehenden Biogasanlage auf dem Hof eines Landwirts eine größere industrielle bauen. Von hier soll das Biogas über eine zwei Kilometer lange Leitung nach Neukloster transportiert und in zwei Blockheizkraftwerken verwertet werden. Das könnte, so sagen Befürworter, sich positiv auf die Fernwärmepreise in der Stadt auswirken.

Derzeit befinden sich die Pläne in der Abwägung, sagt Bürgermeister Frank Meier. Dabei werden auch die Bedenken der Anlieger noch einmal abgeklopft. Er wolle sich auch mit einem Tierarzt insbesondere über das von den Rügkampern befürchtete Risiko durch chronischen Botulismus verständigen.

Ines Diener verweist auf die Göttinger Erklärung von Tierärzten der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA), nach der von bestimmten Clostridien (sporenbildenden Bakterien) verursachte Erkrankungen in deutschen Milchviehbetrieben zunehmen. Laut dieser Erklärung sind Biogasanlagen mit daran schuld, da in ihnen die Mikroorganismen noch einen Reiz zum Auskeimen erhalten. Die Gärreste würden wieder auf die Äcker kommen und die Bakterien schließlich im Tierfutter landen, so die Experten.

Offiziell sei der chronische Botulismus nicht als Krankheitsform anerkannt, erklärt Susanne Köhler vom Investor C4energie. Jedoch habe die Anzahl von Betrieben, in denen Anzeichen einer Krankheit auftreten, zugenommen, so dass ein Forschungsvorhaben von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ausgeschrieben wurde.

Von der AVA sei allerdings ohne wissenschaftliche Grundlage behauptet worden, dass sich Clostridium botulinum in Biogasanlagen vermehrt, durch die Gärprodukte in der Umwelt verbreitet und somit die Biogasbranche an dem Auftreten des chronischen Botulismus beteiligt ist, so Köhler. Dieser Behauptung habe Prof. Dr. Gerhard Breves von der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf einer kürzlichen Plenarsitzung des niedersächsischen Biogasforums vehement widersprochen. Dieser Experte sagt, dass es keinerlei Datenbasis für die Thesen der Göttinger Erklärung gibt.

Clostridien kommen überall und vor allem im Boden vor. Die Sporen sind gegenüber Umwelteinflüssen extrem resistent, so dass der Gärprozess sie nicht zerstört. Derzeit werde nicht ausgeschlossen, dass in sehr eiweißhaltigen Gärsubstraten, z.B. Biomüll oder einsilierten Tierkadavern, eine höhere Belastung vorliegt als normal. Bei der in Rügkamp geplanten Biogasanlage auf Basis nachwachsender Rohstoffe sei nach dem Stand des Wissens nicht mit einer Vermehrung von Clostridien zu rechnen. Zur möglichen Geruchsbelästigung erklärt Köhler: "Eine gut geführte NawaRo-Anlage (Anlage, die mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben wird) riecht nicht unangenehm. An den Geruch von Silage und Gülle ist die Landbevölkerung üblicherweise gewöhnt. Bei der Ausbringung von Gärresten anstatt Gülle entsteht sogar sehr viel weniger Geruch, da die Gärreste nur einen minimalen Eigengeruch haben. Auch bei der Einbringung in die Anlage entstehen kaum Gerüche."

Mit dem Bau von Biogasanlagen müssen keine Mais-Monokulturen auf den Feldern entstehen , so der Investor. "In den Anlagen der C4 Energie AG wird immer ein Mix aus verschiedenen Substraten zum Einsatz kommen", so Köhler. "So verwenden wir u.a. Maissilage, Ganzpflanzensilage (GPS) aus Roggen, Gülle und andere Substraten. Es ist auch angedacht, Zuckerrüben in naher Zukunft einzuführen, sofern sich diese als Substrat bei anderen Anlagen bewähren." Ein Mix aus verschiedenen Substraten führe zu einer höheren biologischen Stabilität der Anlage und sei damit auch ökonomisch sinnvoll. In der Regel werde für eine Biogasanlage maximal zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in einem Radius von fünf bis höchstens 15 km benötigt, so Köhler weiter. Das sei viel weniger als gemeinhin angenommen wird. Nicht jede Art von Maisanbau sei zudem für Biogasanlagen gedacht. Vielmehr wird auch nach wie vor sehr viel Mais als Futtermittel angebaut.


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