Dummerstorf : Ein Dorf und seine Flüchtlinge

<p> </p>

 

In Dummerstorf kümmert sich ein Helferkreis um die Neuankömmlinge – doch die ehrenamtlichen Paten stoßen bei ihren Bemühungen immer wieder an Grenzen

von
15. September 2015, 12:00 Uhr

„Bloß weg damit. Die nimmt sowieso keiner mit.“ Mit einem resoluten Griff rafft Renate Schmidt zwei allzu freizügige Damen-Tops vom Tisch und lässt sie in einem Karton verschwinden. Das Angebot ist trotzdem groß: Vor allem Kindersachen, aber auch schon Winterbekleidung haben die Frauen des Helferkreises in drei Räumen des Mehrgenerationenhauses in Dummerstorf ausgebreitet – „für unsere Flüchtlinge“.

Sechs Flüchtlingsfamilien haben im Spätwinter in der Gemeinde im Landkreis Rostock ein neues Zuhause gefunden. Sie kommen aus Syrien, Tschetschenien, der Ukraine und Albanien – und jeder von ihnen kann Geschichten über seinen Weg nach Deutschland erzählen, die das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Bereits im Januar 2015 hatte die Gemeinde die Einwohner über die bevorstehende Aufnahme von Flüchtlingen informiert, erzählt Angelika Blümecke, die das Mehrgenerationenhaus der Arbeiter-Samariter-Bundes in Dummerstorf leitet. Damals, auf einer Einwohnerversammlung, hätten sich auch schon die meisten der heute knapp 20 Mitglieder des Helferkreises bereiterklärt, die Neuankömmlinge zu unterstützen.
„Die ersten Flüchtlinge kamen im März hier an, vorher waren sie schon einige Zeit in der Jugendherberge in Kühlungsborn untergebracht“, erinnert sich Renate Schmidt. Sie hätten damals Aushänge im Dorf gemacht, um Kleiderspenden und Alltagsgegenstände gebeten, die die Flüchtlinge in ihre neuen Wohnungen brauchen – und die Resonanz war überwältigend. „Natürlich gibt es auch andere Meinungen im Dorf, aber da hör ich gar nicht hin“, sagt Renate Schmidt resolut.

Auch Dr. Ralf Pöhland weiß, dass nicht jeder im Ort die Fremden gutheißt. „Aber durch das im Ort ansässige Leibniz-Institut für Nutztierbiologie haben wir schon immer viele ausländische Wissenschaftler hier, dadurch ist die Toleranz in der Bevölkerung sicher höher.“

In den Augen von Sabine Fulda ist für die Akzeptanz der Flüchtlingsfamilien jedoch ebenso wichtig, dass sich auch geschätzte alteingesessene Dorfbewohner wie Renate Schmidt, Waltraud Köhler, Andreas Vollweiter und Dr. Ingeborg Tschinkel um die Neulinge kümmern. „Wenn sie mit den Flüchtlingen zusammen im Dorf gesehen werden, macht niemand abfällige Bemerkungen.“

Längst gehören die Flüchtlingsfamilien zum Dorfbild. Frauen mit Kopftüchern gehen mit kleinen Kindern in der Karre spazieren. Größere Mädchen und Jungen sitzen vormittags zusammen mit den gleichaltrigen Dorfkindern in der Schule. Nachmittags toben sie gemeinsam, viele sind mit Fahrrädern unterwegs – und ihr Deutsch wird von Tag zu Tag besser.

Jeder Flüchtlingsfamilie stehen zwei Paten zur Seite – „eine komfortable Situation, die man mit der in anderen Orten sicher nicht vergleichen kann“, betont Renate Schmidt. Ob Begleitung bei Ämtergängen oder Arztbesuchen, Unterstützung im Schul- bzw. Kindergartenalltag, gemeinsame Fahrten nach Rostock oder Bad Doberan – wo immer Rat und Unterstützung nötig sind, ist mindestens ein Betreuer zur Stelle. Außerdem bietet der Helferkreis zweimal wöchentlich Deutschunterricht für die Flüchtlinge an – für eine Russisch- und eine Arabischgruppe. Aus Mitteln der Ehrenamtsstiftung konnte jetzt Lernmaterial dafür angeschafft werden. Auch für das heutige „Fest der Kulturen“ gibt die Stiftung einen Zuschuss.

Doch mittlerweile ist den Helferinnen und Helfern oft nicht mehr nach Feiern zumute. „Während der Helferkreis alles getan hat, um die Flüchtlingsfamilien bei ihrer Integration zu unterstützen, wussten wir nicht, dass der Aufenthaltsstatus aller Familien noch ungeklärt ist“, erzählt Sabine Fulda. Mittlerweile drohe gleich drei Familien – zwei syrischen, einer tschetschenischen – die Abschiebung (siehe unten). Zusammen mit ihren Paten gingen sie juristisch dagegen vor. Auch die übrigen Familien sind in Anbetracht der immensen Flüchtlingsströme unsicher, ob sie bleiben können. Dies hat sich deutlich auf die Stimmung ausgewirkt. „Zum Beispiel fehlen seither einige unserer Flüchtlinge im Deutschkurs.“

Unverständlich ist den Helfern, dass den jugendlichen Flüchtlingen, die älter als 16 Jahre sind, der Schulbesuch verweigert wird. „In unseren Familien betrifft dies drei sehr intelligente Jugendliche, denen der Zugang zu Bildung hier verweigert wird“, ärgert sich Sabine Fulda. Mindestens ebenso sehr regt sie auf, dass die Flüchtlinge nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen dürfen, da ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt trotz Arbeitserlaubnis versperrt ist. Tatsächlich aber gelte für sie nicht für die ersten drei, sondern faktisch für 15 Monate ein Arbeitsverbot, betont Sabine Fulda: So lange nämlich müsste die Arbeitsagentur eine gesetzlich vorgeschriebene Vorrangprüfung vornehmen, wenn ein Asylbewerber oder ein Geduldeter arbeiten will. Dabei werde festgestellt, ob es einen Deutschen oder einen EU-Bürger gibt, der ein Vorrecht auf den entsprechenden Job hätte – und der fände sich immer. „Ein vor Ort ansässiges Unternehmen würde zum Beispiel gerne den Vater unserer albanischen Familie einstellen, der die entsprechende Qualifikation besitzt“, erzählt Sabine Fulda. Die aktuelle Gesetzeslage mache dies jedoch unmöglich.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen