Premiere im Staatstheater : Ein disharmonischer Tanz

Artur (Jan Hallmann, v.l.), Eleonora (Anja Werner) und Stomil ( David Emig)
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Artur (Jan Hallmann, v.l.), Eleonora (Anja Werner) und Stomil ( David Emig)

Das Schauspiel „Tango“ von Sławomir Mrozek hatte Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater

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21. März 2016, 11:45 Uhr

Dieser Tango ist kein erotisches Vergnügen im Vierachteltakt, ein harmonisches im Zweiviertel schon gar nicht. „Tango“ von Slawomir Mrozek (1930 - 2013) ist ein disharmonischer Tanz taktloser menschlicher Irrungen und Wirrungen. Der polnische Satiriker führt eine anarchische Familie vor, die „verrostete Ketten der Religion, der Moral, der Gesellschaft, der Kunst“ gesprengt hat. Ihre Norm ist die Verachtung der Norm. „Hier funktioniert nichts, weil alles erlaubt ist“, befindet Student Artur und zwingt seine verlotterten Alten zurück ins Korsett der Konvention. Er will vorangehen durch die Heirat in aller Form mit Cousine Ala. Die Restauration wird zum Desaster. Vor der Trauung trunken, erkennt Artur, dass alte Formen keine neue Wirklichkeit schaffen. Nach Moral oder Fortschritt wird jetzt Macht die Losung. Doch statt Machthaber wird Artur das Opfer. Hausfreund Edek, der mit der Mutter schläft, hatte es auch mit Flittchen Ala. Wenn Artur ihn deswegen umbringen will, tötet Edek schneller. Nun verkündet er das Regime, in dem absoluter Gehorsam gilt. In der Inszenierung von Ralph Reichel am Mecklenburgischen Staatstheater rieselt dann etwas Schnee, und Onkel Eugen legt hinter der Leiche des Weltordners ein Tango-Solo hin.

Ein umgedrehter Generationskonflikt – früher pochten die Alten auf Ordnung – entlädt sich, und in extremer Freiheit steigt Extremismus auf. Werte-Krisen und Risiken der modernen Gesellschaft veranschaulicht Mrozek skurril, spöttisch, zynisch. Seine tragische Farce erinnert an das Theater des Absurden, an Ionesco etwa, der mit verstörenden Stücken brüchige Realitäten markierte. Und im Disput zwischen Vater und Sohn um Freiheit grüßt das Existenzialismus-Seminar; was aber inzwischen an Spannung verloren hat.

In einer Gegenwart, da Krisen und Gewalt akut sind, wird klar, dass „Tango“, uraufgeführt 1965, kein Tanz von vorgestern ist. Sozusagen choreographiert ihn Reichel, abgesehen von einigen zähen Momenten, stimmig als Groteske. Dafür setzt Claudia Charlotte Burchard mit einer Matratzengruft, in der noch Opas Katafalk steht und ein protziger Kronleuchter am Boden liegt, eingangs den irren Ort, und sie kleidet die Figuren so exzentrisch wie sie sind. Ist später die Unordnung unter den Teppich verlegt, bleibt sie als loser Boden präsent. Illumination wie auf dem Rummelplatz, Kasperlspiel-Einlage, John R. Carlsons musikalischer Mix, allerlei Verfremdungen multiplizieren den Witz, mit dem Reichel das Stück als Panoptikum beschwört, in dem als Kontext die Realität durchscheint. Wofür deutlichere Akzente im Dialog gut wären.

Es ist die heftige Stunde der Karikaturen. David Emig als spleeniger Künstler Stomil, der sich gestenreich genial bis göttlich gebärdet. Seine Frau Eleonora ist bei Anja Werner eine Tussi wie sie aus Klatschblättern schaut. Brit Claudia Dehler als Ala mit provokanten Mienen und Posen. Ein obskurer Edek – „heutzutage ist alles ungewiss“ – von Jochen Fahr. Dirk Audehm als willfährig trottliger Eugen „im Dienste der Idee“. Eine popschräge Großmutter von Andreas Lembcke. Und als Kontrapunkt Jan Hallmanns exakt kostümierter Artur, der zwischen der Erregung eines Unteroffiziers, der Unbeholfenheit am Weibe, der Phrasenbläserei und dem Gewaltapostel im Suff pendelt.

Ist sie auch bizarr, so steckt in dieser Parabel über Mechanismen des Totalitären doch unverkennbar Warnung.

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