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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 07:50 Uhr

Ein Anstoß zum Zusammenleben in Europa

vom

svz.de von
erstellt am 20.Dez.2012 | 07:21 Uhr

Waren | Der Anfang sei schwer gewesen. Niemand habe das Thema so wahrgenommen. Und dies obwohl die Vorbehalte existieren und die Menschen hierzulande offen damit umgingen. "Wir wollten eine Perspektive für ein vorbehaltsloses und vorurteilsfreies Zusammenleben der europäischen Nachbarn Deutschland und Polen schaffen", sagt Niels Gatzke. Langfristig, beständig und aktiv sollte die Auseinandersetzung mit dem Problem der Polenfeindlichkeit angeregt und das Interesse am Nachbarland gestärkt werden.

Perspektywa entstand als ein bundesweit bislang einmaliges Projekt. Durchgeführt wurde es durch die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie e. V. (RAA) Mecklenburg-Vorpommern in Kooperation mit der Amadeo Antonio Stiftung. Bereits in seiner Magisterarbeit setzte sich Nils Gatzke mit dem Polenbild in Deutschland auseinander. "Vieles war am Anfang unklar. Es gab weder Arbeitsmethoden noch Materialien dazu", so der Projektleiter. Ein Netzwerk konnte seit Januar 2011 in Vorpommern und der Mecklenburger Seenplatte aufgebaut werden. Hier lagen die Schwerpunktgebiete der Arbeit innerhalb des Bundeslandes. Schnell sei es zu spannenden Ergebnissen gekommen.

Im Frühjahr 2011 war die Nachfrage größer als die von perspektywa angebotenen Fortbildungen. "Wir waren ausgebucht bereits bevor wir alle Flyer verschickt hatten", erinnert sich Gatzke. Ein Höhepunkt der zahlreichen Veranstaltungen sei die kriminalpräventive Beratungsbörse in Zusammenarbeit mit dem Präventionsrat Heringsdorf, der Polizei und Behörden am 26. November 2011 in Heringsdorf gewesen. Vor Polizisten und in Vereinen fanden Workshops und Seminare zu den Vorbehalten statt. Multiplikatoren wurden in Fortbildungen ausgebildet. Im Rahmen des Projekts entstanden Bildungsangebote und Informationsmaterialen und diese wurden Bürgerinnen und Bürgern im grenznahen Raum nahegebracht. Dies umfasst Faltblätter zur Polenfeindlichkeit, zur Öffnung des Arbeitsmarkts für mittel- und osteuropäische Arbeitnehmer, Argumente gegen polenfeindliche Parolen und Kriminalität im Grenzraum Vorpommern. Methodenblätter für den Unterricht mit Schülern, für Seminare mit Erwachsenen und deutsch-polnische Begegnungen kamen in den letzten beiden Jahren heraus. Jüngst erschienen diese in der Broschüre "Probleme mit Polen?"

Interviews und Gespräche seien in Vorpommern mit Bürgern, Politikern und Mitgliedern der Verwaltung dafür geführt worden. "Es ist eine qualitative Arbeit", räumt Niels Gatzke ein. Im Alltag seien die Frage der Kriminalität, der Gefahr durch polnische Jugendliche und der sozialen Profiteure aufgetaucht. "Die Leute haben es direkt ausgesprochen", so Gatzke. Polen sei der arme, heruntergekommene Nachbar. Billige Einkaufsmöglichkeiten und der Reiz der großen Städte Stettin und Swinemünde wurde als positiv angegeben. Von offen bis kritisch bis hin zu Ignoranz reicht die Spannweite der Wahrnehmung des Themas in der Politik. Sein allgemeines Fazit laute: "Es gibt sehr viele Begegnungen. Allerdings fällt die Zusammenarbeit nicht im gleichen Maße so stark aus." Unter den heutigen Jugendlichen gäbe es viele positive Beispiele. Sie haben polnische Freunde. Löcknitz stehe für ein gutes deutsch-polnisches Miteinander. Vor zwei Jahren gingen Greifswald und Stettin eine Städtepartnerschaft ein.

"Einige sehen nicht die Vorteile einer Metropolregion Stettin. Diese sind nicht bereit, dies als eine Bereicherung wie eine Chance zu sehen", so Gatzke. Dies gelte auch für den Zuzug polischer Bürger in den ländlichen Raum, das Bauen eines Hauses und die Entscheidung für ein Leben auf der westlichen Seite der Oder in Mecklenburg-Vorpommern. Dabei gab es bereits vor 120 Jahren eine starke, wirtschaftsbedingte Abwanderung aus Pommern. "Es fällt auf, dass heute an die damalige Debatte angeknüpft wird", so der Projektleiter.

Auf polnischer Seite werde die hiesige Polenfeindlichkeit, die infrastrukturelle Entwicklung, der Rechtsextremismus ganz genau wahrgenommen. "Mecklenburg-Vorpommern muss aufpassen, wie es künftig gesehen wird", meint dazu der Projektkoordinator von perspektywa. Erreicht wurde mit dem Projekt eine größere Offenheit und Sensibilität von Verantwortungsträgern. Fest stehe mittlerweile auch: Die RAA will perspektywa weiterführen. Derzeit ist dies dennoch eine Frage der Finanzierung.

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