Hausbesetzung : Eigentümer und Polizei greifen durch

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Der Streit um den Erhalt eines rund 150 Jahre alten Hauses in Greifswald endet mit einer Räumung – danach rückt gleich ein Bagger an

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20. November 2014, 20:29 Uhr

Als sich die Polizei mit einem Rammbock Zugang in das besetzte Haus verschafft, stehen Hubert Ende die Tränen in den Augen. Verzweifelt muss der Betreiber des Bioladens „Sonnenmichel“ mit ansehen, wie an der Vorderfront die Fenster wackeln. Ende setzt zu einer empörten Äußerung an, dann versagt seine Stimme. Er winkt wortlos ab.

Gestern wurde wahr, was sich seit Wochen ankündigte: Das auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Haus am Rande der Greifswalder Altstadt – eingeklemmt zwischen zwei Mietskasernen – wird geräumt. Der Konfetti-Regen von drei Besetzerinnen auf dem Dachfirst und die rund 50 Unterstützer der Bürgerinitiative „Brinke 16/17 erhalten“ können die 200 Polizisten nicht von ihrem Einsatz abhalten. „Verwechseln Sie nicht Ursache und Wirkung“, diskutiert Einsatzleiter Tino Peisker noch mit den jungen Leuten. Wenig später verschaffen sich rund 35 Polizisten über den Hinterhof Zutritt zu dem Gebäude, kämpfen sich mit Rammbock und Kettensäge zu den Besetzern vor. Mit Sondereinsatzkräften werden drei Frauen vom Dach geholt. Die anderen Hausbesetzer werden nacheinander aus dem Haus geführt, zwei von ihnen hatten sich angekettet.

Nur zwei Stunden nach der Räumung des Hauses beginnt unter Polizeischutz dessen Teilabriss. Im Auftrag des Eigentümers rollt ein Bagger an, um die nicht vom Bioladen genutzten Areale des Hauses abzureißen. Polizisten sichern die Abbruchmaßnahmen, während die Mitglieder der Bürgerinitiative und Sympathisanten laut protestieren. Seit Wochen hatten sie für den Erhalt des seit Ende September besetzten Hauses gekämpft. Das Gebäude mit seinem Bioladen sei zu einem sozialen Zentrum im Stadtviertel geworden, sagt der Sprecher der Initiative, Heiko Pult. Das Laden- und Wohnhaus von 1850 sei erhaltenswert, auch wenn es nicht unter Denkmalschutz stehe, argumentiert Felix Schönrock.

Bürgerinitiative und der Eigentümer des Hauses werfen sich gegenseitig vor, Kompromissangebote nicht angenommen und Gespräche verweigert zu haben. Das Tischtuch war zerschnitten. Nun ließ der Eigentümer, ein Unternehmer aus Demmin, Taten sprechen. Das Recht hatte er. Nach Angaben des Eigentümer-Anwalts droht auch dem Bioladen die baldige Räumung. Die Vollstreckungsaufforderung laufe, sagte er.

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