zur Navigation springen

Ausstellung zum Prozess : Eichmann sterben gesehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zeitzeuge Goldmann-Gilead berichtet über seine Erlebnisse / Ausstellung zum Prozess im Landtag

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Zum Abschluss des Vortrages hebt Michael Goldmann-Gilead seine zerbrechlich klingende Stimme. Sie durchdringt den Tagungsraum der SPD-Landtagsfraktion im Schweriner Schloss. Als Zeitzeuge des Eichmann-Prozesses eröffnet er die gleichnamige Ausstellung. Seine Botschaft ist Warnung und Aufforderung zugleich: „Wir müssen uns von Menschenhass und Ängsten befreien.“

Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Am 26. Juli 1925 in Kattowitz, Oberschlesien, geboren. Ein Kind jüdischer Eltern. Die NS-Diktatur veränderte sein gesamtes Leben: 1939 floh seine Familie erstmals vor den Nationalsozialisten. Drei Jahre später, an seinem 17. Geburtstag, wurden seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester von Przemysl (Zentralpolen) ins Todeslager Belzec gebracht. Er sah sie nie wieder.

Goldmann-Gilead blieb in Przemysl, musste Zwangsarbeit verrichten, eckte an. Beim Sortieren von Büchern ließ er einige Exemplare mitgehen. Werke über Bahn- und Brückenbau der SS. Er flog auf, wurde öffentlich mit 80 Peitschenhieben bestraft. Er wollte die Schläge noch mitzählen, doch der Schmerz ließ ihn ohnmächtig werden, erzählt er.

1943 folgte die Deportation nach Auschwitz zusammen mit 4 000 Häftlingen. Nur 900 kamen ins Lager. Der Rest wurde umgehend ermordet. Goldmann-Gilead überlebte Auschwitz. Beim Todesmarsch gelang ihm im Januar 1945 die Flucht. Mit zwei anderen Häftlingen versteckte er sich bei einer polnischen Familie in der Nähe von Gleiwitz. Zwei Jahre später setzte er sich per Schiff illegal nach Israel ab; bis heute seine Heimat.

Goldmann-Gilead machte Karriere. 1949 ging er zur israelischen Polizei; wurde Offizier für Kriminalität. „Die ersten Jahre waren schwer“, berichtet er. Nur wenige hätten den Mut gehabt, über den Holocaust zu sprechen. Doch dann änderte sich alles. Adolf Eichmann wurde vom israelischen Geheimdienst Mossad in Argentinien aufgespürt und nach Haifa verschleppt. Das Bezirksgericht Jerusalems erhob 1961 Anklage gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer. Eichmann war einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz, auf der 1941 die Endlösung der Judenfrage beschlossen worden war.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen, wählte Zeugen aus. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit „Polizei-Büro 06“ war er maßgeblich an der Linie der Anklage beteiligt. Nach einem viermonatigen Prozess unter den Augen der Weltöffentlichkeit wurde Eichmann zum Tode verurteilt. „Als Eichmann gehängt wurde, waren zehn Leute in der Zelle“, erzählt Goldmann-Gilead. „Ich war einer von ihnen.“ Kurz vor seiner Hinrichtung habe Eichmann gesagt, er sei gottgläubig, er werde es auch nach dem Tod bleiben. „Ich fragte mich: An welchen Gott kann ein Massenmörder glauben?“

Noch heute beschäftigt den 90-Jährigen der Holocaust. Jeden Tag. Über das eigene Schicksal zu berichten, sei seine Pflicht, findet er. „Ich habe Deutsche kennengelernt, die Juden heimlich versteckt, sich in Gefahr begeben haben. Ich habe den Glauben an die Menschlichkeit wiedergefunden.“ Und er gibt ihn weiter. Sieben Schüler der Europa-Schule Rövershagen sind bei ihrem Projekt „Kriegsgräber“ auf Goldmann-Gilead gestoßen. Sie besuchten ihn in Israel, beschäftigen sich über zwei Jahre mit dem Eichmann-Prozess und der Shoa. Zusammen mit Projektleiterin Petra Klawitter, Anfang Oktober mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, erarbeiten sie eine Ausstellung über den Prozess, noch bis zum 5. November im Schloss zu besichtigen. Weitere Projekte sollen folgen, auch mit Goldmann-Gilead. Solange er noch lebe, sei er dabei, sagt er – und lacht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen