„Ehemalige" sind der schönste Dank

Dieter Spielmann blättert in 'seinem Leben', in Erinnerungen an das Kinder- und Jugenddorf Sigrön, das er 29 Jahre lang leitete.
Dieter Spielmann blättert in "seinem Leben", in Erinnerungen an das Kinder- und Jugenddorf Sigrön, das er 29 Jahre lang leitete.

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31. Juli 2012, 06:36 Uhr

Sigrön | Lächelnd blättert er in der Mappe mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Urkunden - es sind Erinnerungen an das Kinder- und Jugenddorf Sigrön, Erinnerungen an "mein Leben", sagt Dieter Spielmann. Und ein bisschen Wehmut schwingt mit, denn eigentlich hätte der Bad Wilsnacker gern die 30 Jahre als Leiter der Einrichtung - salopp gesprochen - voll gemacht. Doch die Gesundheit spielte nicht mit, und so muss er sich bereits ein Jahr früher verabschieden. Am heutigen 1. August wird das in feierlicher Form geschehen.

Und das hat sich der 64-Jährige ganz sicher verdient, denn die Geschichte des Sigröner Kinder- und Jugenddorfes hat er ganz wesentlich mit geschrieben, darf von sich behaupten, einer der wenigen zu sein, die als Leiter einer solchen Einrichtung auch die Wende überstanden. Dabei wollte Spielmann, der zu DDR-Zeiten ein Studium als Unterstufenlehrer (heute heißt das Grundschule) absolvierte mit Hauptfach Sport, eigentlich gerade an die Glöwener Schule wechseln, als dringend ein Leiter für Sigrön gesucht wurde. Das war damals ein Spezialkinderheim, in dem "schwer erziehbare Jungs im Alter von 14, 15 Jahren betreut wurden, die aber gerade mal die 5. bzw. 6. Klasse machten, weil sie schon mehrfach sitzen geblieben waren", erinnert sich Spielmann.

Als er am 1. August 1983 als Heimleiter begann, waren in dem ehemaligen Schloss-Gebäude 85 Jungen auf zwei Etagen untergebracht, in Vier- bis Zwölf-Mann-Zimmern. "Wir hatten Gruppenstärken von bis zu 20 Jungen. Das war nicht optimal. Aber ich hatte ein Team um mich herum, das wirklich um die Jungs bemüht war", beschreibt Spielmann. Verschweigt dabei aber nicht, dass individuelle Zuwendung nicht möglich, alles schon mehr streng organisiert war. Und es gab laut DDR-Gesetz eine so genannte Isolierzelle zur Unterbringung von Jugendlichen, "die grobe Verstöße begangen hatten, sich beispielsweise derart geprügelt hatten, dass sie eine Gefahr für sich selbst und für andere darstellten", erklärt der Bad Wilsnacker. "Das ist uns zur Wende ganz böse auf die Füße gefallen", bekennt er, "obwohl ich die Zelle zu diesem Zeitpunkt längst abgeschafft hatte". Ob nun durch persönliche Erlebnisse eines Teilnehmers des Runden Tisches in Berlin oder vom Hörensagen - jedenfalls beschäftigte man sich dort mit Sigrön, "startete eine Untersuchung bei uns. Aber es war keine Auseinandersetzung, sondern es waren nur Angriffe gegen die Einrichtung", erinnert sich Spielmann. Deshalb wandte er sich an den damaligen Superintendenten Dr. Ulrich Woronowicz, fragte ihn, ob er bereit wäre, etwas für den Erhalt der Einrichtung zu tun. Er war es, gründete gemeinsam mit Spielmann und anderen ein Kuratorium, vermittelte Kontakte zu seiner Schwester, die als Professorin an der Hamburger Fachhochschule einen Lehrstuhl inne hatte. "Mit unserem ersten privaten Westgeld haben wir damals eine Woche Weiterbildung in Hamburg finanziert", erzählt Spielmann, wie groß die Motivation auch seiner Mitarbeiter war, neue Wege zu beschreiten.

Dass das gelungen ist, beweist das heutige Kinder- und Jugenddorf mit der dezentralen Unterbringung der 32 Mädchen und Jungen, mit ihrer individuellen Betreuung, aber auch mit Angeboten für Mütter mit Kindern oder Familien, die Hilfe benötigen, um mit den Alltags-Problemen besser klar zu kommen.

Mehrere Preise erhielt die Einrichtung, die zur Gesellschaft zur Förderung Brandenburger Kinder und Jugendlicher gehört. So den Adolf-Reichwein-Preis für die erfolgreiche Arbeit mit mehrfach vorbestraften Jugendlichen. Der schönste Dank für Spielmann ist aber, wenn "Ehemalige" vorbei schauen, und das nicht im Groll. Wäre er noch einmal jung, "würde ich mich wieder für diese Aufgabe entscheiden", bekennt er.


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