STREITBAR : Edathy und das Böse im Mann

STREITBAR Fotos von nackten Jungs: Steckt nicht in jedem Mann ein Pädophiler? Über die Sippen- und Geschlechterhaft in einer sexistischen Gesellschaft.

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02. März 2014, 09:00 Uhr

Widerfährt Sebastian Edathy großes Unrecht? Wird der ehemalige SPD-Abgeordnete an den Pranger gestellt und gesellschaftlich ruiniert für ein Verhalten, das zwar moralisch zu verurteilen, strafrechtlich jedoch nicht zu belangen ist? Im ersten Moment ist man geneigt, derlei Einwendungen unter der Kategorie abzulehnen: Wieder Mal geht Täterschutz vor Opferschutz.

Wenn der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo oder Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung darauf verweisen, dass auch für Politiker die Unschuldsvermutung gilt, so möchte man ihnen entgegenhalten: Würde dieses Grundprinzip des Rechtsstaates im Journalismus beherzigt, wäre „Der Spiegel“ unter Mascolos Leitung ein dünnes Heftchen gewesen. Medien warten nicht auf das richterliche Urteil. Sie urteilen selbst (herrlich) und skandalisieren unter dem Schutzschirm der Pressefreiheit. Auch der ehemalige Staatsanwalt Prantl.


Unter Verdacht

Unabhängig von den politischen Verwicklungen, die im Vorwurf des Geheimnisverrats und der Strafvereitelung münden, bleibt zunächst festzuhalten: Bislang wird gegen Edathy lediglich ermittelt, weil er sich vor Jahren von einem einschlägig bekannten Internet-Versender Fotos von nackten Jungen bestellt haben soll.

Das ist nach deutschem Recht (noch) erlaubt. Die Ermittler sehen hingegen den Anfangsverdacht zum sexuellen Missbrauch von Jugendlichen, weil es beim harmlosen betrachten selten bleibe. Die Kriminalisten verweisen auf ihre langjährigen Erfahrungen: Wer pädophile Neigungen offenbart, missbraucht früher oder später kleine Kinder. Oder stiftet zumindest dazu an, weil er sich an entsprechenden Bildern und Videos aufgeilt. Erst der Markt schafft das schändliche Tun. Unschuldsvermutung? Pustekuchen!


Weibliche Opfer

Nun muss man mit dem politischen Aufsteiger Edathy kein übertriebenes Mitleid haben. Wer sich an nackten Jungen ergötzt, hat den Wertkanon dieser Gesellschaft zutiefst verletzt. Jedenfalls nach heutigen Maßstäben. Ich empfinde diese Neigung als abstoßend, wenn nicht gar ekelerregend. Aber abstoßend finde ich auch, wenn Kinder vernachlässigt werden. Wenn Zwölfjährige mit Bier- und Wodkaflaschen „um die Häuser ziehen“, weil ihren Eltern egal ist, was sie treiben. Hauptsache draußen oder ruhiggestellt.

Wenn aber die Täterin eine alleinstehende Mutter ist, dann begegnet man der Frau mit viel Nachsicht. Selbst wenn sie ihre Kinder übel malträtiert oder gar verhungern lässt. Mitfühlend ist dann schnell von „Überforderung“ die Rede, oder von „psychischen Störungen“. Rasch schrumpfen die entsprechenden Meldungen auf die Polizeinotizen in den hinteren Seiten. Selbst wenn sie ihre Kinder zerstückelt in der Gefriertruhe aufbewahrt. Auch als Schwerstkriminelle ist die Frau immer auch Opfer.


Die Waffen der Frau

Dabei weisen unvoreingenommene Forscher wie Michael Bock seit langem darauf hin, dass Frauen nicht weniger gewalttätig sind. Sie gehen dabei nur subtiler vor, sagt der Mainzer Professor für Kriminologie, wenn sie Kinder quälen, Alte im Pflegeheim traktieren oder ihren Mann physischem und psychischem Terror aussetzen. Davon können auch Scheidungsanwälte ein Lied singen. Doch welcher Mann klagt schon offen über häusliche Gewalt durch seine Frau? Zu den inneren und äußeren Verletzungen kämen Hohn und Spott der Gesellschaft.

Der Mann ist dagegen immer Täter. Einzelfälle sind dann plötzlich „die Spitze eines Eisberges“. Edathy steht aktuell für die dunkle Seite des Mannes: Sind sie nicht alle ein bisschen pädophil? Wenn selbst dem angesehenen Mandatsträger die abgründige Neigung nicht anzumerken ist _ welchem Mann kann man dann noch tauen? Endet, wer heimlich Pornos schaut, letztlich nicht als Vergewaltiger? Muss diesen verkappten Triebtätern nicht der Notausgang zur Prostitution verschlossen werden, wie die steuerhinterziehende Ober-Frauenrechtlerin Alice Schwarzer fordert? Also haben „Die Ärzte“ doch Recht, wenn sie den „Mann als Schwein“ diffamieren und mit dem Song große Erfolge feiern. Radikale Feministinnen hatten ja schon immer die richtige Therapie parat: Schwanz ab!


Väter unter Verdacht

Bald tauchen die nächsten Fragen auf: Kann man Männern noch die Betreuung und Erziehung von Kindern anvertrauen? In seinem Manifest „Das entehrte Geschlecht“ (Pantheon 2012) beschreibt Ralf Bönt folgende Begebenheit: Ein Mann geht mit seiner vierjährigen Tochter nach der Arbeit auf den Spielplatz. Dort richtete er ihr zweimal die beim Spielen im Sand verrutschte Wollstrumpfhose. Beobachtende Mütter riefen die Polizei, die von dem Mann erst abließen, als er seine Vaterschaft nachweisen konnte. Er hätte ja ein Sexualstraftäter sein können, der heute in jedem Mann vermutet wird. „Ihm wird die Rolle des Mindermenschen zugewiesen,“ klagt der Vater zweier Kinder.

Derzeit wird verstärkt um „männliche Erzieher“ geworben, damit Kinder nicht nur in einer feminisierten Welt aufwachsen. Doch diese Männer gehen nicht nur das Risiko ein, gering geschätzt zu werden. Verrichten sie in Kitas und Schulen ihren Dienst, sollten sie schon aus Selbstschutz darauf achten, nie allein mit Buben und Mädchen in einem Raum zu sein. So wie männliche Vorgesetzte im Arbeitsleben darauf bedacht sein müssen, die Bürotüre offen zu halten, sobald eine Kollegin den Raum betritt. Oder gar den Aufzug zu verlassen, wenn eine Frau nach oben will – wie in amerikanischen Hochschulen und Unternehmen zunehmend üblich.

Schließlich genügt der diffuse Vorwurf der „sexuellen Belästigung“, um die Karriere eines Mannes zu ruinieren. Manchmal reicht schon eine alter Herrenwitz zum vernichtenden „Aufschrei“, der dann – wie der Fall des FDP-Spitzenkandidaten Brüderle gezeigt hat – politische Reputation von heute auf morgen zerstört. Erst viel später wird die Nichtigkeit erkannt. Dem Geächteten hilft das freilich nicht mehr. Der Makel bleibt.


Frauenrecht
 

Wenn Scheidungen schmutzig werden, wird der Vorwurf der Pädophilie gerne in Sorgerechtsfällen eingesetzt. Es ist die zerstörerische Waffe der Frau, um die Kinder vom Vater zu trennen. Wie soll sich der Mann dagegen wehren, wenn doch ein gesellschaftliches Klima geschaffen wird, wonach in jedem Mann ein verkappter Kinderschänder und Vergewaltiger steckt?

Die hessische Lehrerin Heidi K., die ihren Kollegen Horst Arnold mit dem frei erfundenen Vorwurf der Vergewaltigung erst fünf Jahre ins Gefängnis gebracht und dann letztlich in den Tod getrieben hat, bezieht bis heute trotz Verurteilung Beamtengehalt und muss nicht einmal Schadenersatz zahlen. Auch die Frau, die den Wetterfrosch Jörg Kachelmann ruiniert hat, geht straffrei aus. Und für das Zimmermädchen, das den IWF-Chef Strauß-Kahn zu Fall brachte, hat sich der – offenbar fingierte – Vorwurf der Vergewaltigung siebenstellig ausgezahlt.

Oder nehmen wir den spektakulären Fall Gustl Mollath. Als der des bayerischen Autobastler die Staatanwaltschaft über Schwarzgeldgeschäft einer Bank informierte, schlug diese die Information in den Wind. Als aber dessen Frau behauptete, von Mollath geschlagen worden zu sein, schickte ihn das Gericht für fünf Jahre in eine geschlossene Psychiatrie. Nur widerwillig hat die bayerische Justiz ihren folgenschweren Fehler eingeräumt. Was zählt sich das Wort einer „geschlagenen Frau“ gegen das eines „gewalttätigen Mannes“? Selbst in Bayern ist die feminisierte Justiz weit fortgeschritten. Denn Staatsanwälte agieren an der Leine der Politik.

Merken wir noch, wie sich die juristische Waage zur schiefen Ebene neigt? Schon ruft SPD-Familienministerin Schwesig lautstark nach schärfern Gesetzen und stellt damit selbst konservative Hardliner in den Schatten. Jung-Justizminister Heiko Maas apportiert sofort und kündigt neue Paragrafen an. Offenbar will die SPD ihr schlechtes Gewissen mit harten Strafen reinwaschen. Schließlich wäre ihr Edathy fast Minister geworden, hätte der damalige Innenminister Friedrich (CSU) nicht die Reißleine gezogen.

Wer hingegen an die Prinzipien des Rechtsstaates erinnert, macht sich verdächtig. Sexualtherapeuten, die sorgsam zwischen arglosen „Bildchenguckern“ und gefährlichen „Zeitbomben“ unterscheiden, müssen sich des Vorwurfs der Verharmlosung erwehren. Liberale Weicheier, die doch tatsächlich an die Befreiung des Mannes von bösen Neigungen glauben.


Generation Porno

Auch eine andere Diskrepanz stößt in der Edathy-Debatte auf: Auf der einen Seite ist eine zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft zu beobachten. Sie gebiert einen schmuddeligen Exhibitionismus, der kaum mehr Schamgrenzen kennt. Kinder und Jugendliche leben diese Grenzenlosigkeit verstärkt in digitalen Medien aus. Oft angestachelt von ehrgeizigen Müttern in allerhand Superstar-Wettbewerben, wird der Körper zu Schau gestellt. So verschmelzen eine „Generation Smartphone“ und die „Generation Porno“ zur schamlosen Generation Provokation. Wer daran Anstoß nimmt, war bislang ein verklemmter Konservativer, der Recht und Ordnung für tragende Tugenden hält.


Ohne Akt und FKK


Ihnen gegenüber standen die Verherrlicher der individuellen Freiheit, zu der auch sexuelle Freizügigkeit zählt. Die DDR war stolz auf ihre FKK-Kultur. In den Achtziger Jahren machten sich selbst prominente Grüne dafür stark, die verstaubte Sexualmoral aufzubrechen, wie die jüngste Debatte über Pädophilie in den eigenen Reihen ans Licht gebracht hat. Nun aber führen auch sie Sitte und Moral in ihrem Wortschatz, sobald es um Kinder geht. Selbst die Kunst bleibt von der neuen Prüderie nicht verschont. Plötzlich sieht man in Aktzeichnungen „Wichsvorlagen“. Ausstellungen werden abgesagt. So wandelt sich der Zeitgeist. Es sind schon merkwürdige Koalitionen, die sich hier bilden. Sitzt dabei der Mann auf der Anklagebank, fällt Justitia schnell die Augenbinde ab – und geurteilt wird nach Geschlecht? Frauen dürfen sich hingegen im Kino als Nymphomaninnen feiern lassen. Und an Frauenliebe, selbst wenn es noch Mädchen sind, nimmt ohnehin niemand mehr Anstoß.


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