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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 04:53 Uhr

Autofähre : E-Mobilität kommt aufs Wasser

vom
Aus der Onlineredaktion

Stralsunder Spezialfirmen Formstaal: Ostseestaal liefern weltweit erste vollelektrische Autofähre für Binnengewässer ab.

svz.de von
erstellt am 02.Nov.2017 | 05:00 Uhr

Auf dem Strelasund kreuzt dieser Tage eine weiße Doppelendfähre. Geräuschlos und ohne eine rußige Rauchfahne hinter sich herzuziehen. Der 28 Meter lange und 8,90 Meter breite Schiffsneubau ist die weltweit erste vollelektrische Autofähre für die Binnenschifffahrt und schippert völlig lärm- und emissionsfrei übers Wasser. Derzeit wird sie bei Testfahrten auf Herz und Nieren geprüft.

Vor knapp zwei Wochen war die Autofähre an der Kaikante von „MV Werften“ in Stralsund zu Wasser gelassen worden. Zwei Schwerlastkräne hatten das neue, 52 Tonnen schwere Schiff an die Haken genommen und den „Stapellauf“ vollzogen. Doch der traditionsreiche Schiffbaubetrieb am Sund ist nicht der Hersteller des Elektro-Solarschiffes. Gebaut worden ist die neuartige Autofähre von den benachbarten Stahlbaufirmen Formstaal und Ostseestaal. Diese haben sich im Schatten der großen Schiffbauhalle von „MV Werften“ in den letzten Jahren zu einem eigenständigen und sehr spezialisierten Schiffbauer entwickelt. Die erste vollelektrische Autofähre ist mittlerweile das zehnte Elektro-Solarschiff-Projekt, das von Formstaal/Ostseestaal realisiert worden ist.

Dem Schiffbau waren die beiden Spezialfirmen stets sehr nahe. Als im Jahr 2000 zunächst das Unternehmen Ostseestaal in einer neu errichteten Produktionshalle mit der 3D-Kaltverformung von Stahlblechen startete, wurden in der Nachbarschaft auf der Stralsunder Volkswerft noch zahlreich Containerfrachter und Spezialschiffe für die Offshore-Industrie gebaut. Die Volkswerft war neben anderen Werften einer der wichtigsten Abnehmer der dreidimensional verformten Bleche von Ostseestaal. Doch spätestens mit Ausbruch der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 und schwindenden Aufträgen in der Werftindustrie begann Ostseestaal, sich stärker auf andere Geschäftsfelder zu orientieren. So wurde ergänzend zum Produktionsprofil am Stralsunder Standort die Firma Formstaal gegründet. Diese fertigt aus den 3D-verformten Blechen hochwertige und komplexe Schweißkonstruktionen, etwa für extravagant gestaltete Gebäudefassaden, für die Luftfahrtindustrie, den Bereich regenerativer Energien und den Schiffbau andernorts.

Als sich vor einigen Jahren ein Trend in der Schifffahrt hin zu alternativen Antrieben abzeichnete und die Regeln für Schiffsemissionen verschärft wurden, lotete das Management von Formstaal/Ostseestaal die Chancen aus, mit dem Bau von Elektro-Solarschiffen ein völlig neues Geschäftsfeld zu erschließen. Der Fokus richtete sich auf die Berufsschifffahrt auf Binnen- und in Küstengewässern.

„In diesem Bereich existiert in Deutschland ein hoher Bestand an veralteten Schiffen, der kurz- und mittelfristig erneuert werden muss“, begründet Ingo Schillinger, Senior Sales Manager bei Formstaal/Ostseestaal. Und betont zugleich: „An Neubauten werden hohe Anforderungen in punkto Sicherheit und Umweltschutz gestellt. Das zwingt zu innovativen Lösungen beim Antrieb und in der Konstruktion, um Elektro-Solarschiffe auch wirtschaftlich betreiben zu können.“ Das könnte ein Grund dafür sein, „warum sich niemand vorher konsequent mit dem Thema beschäftigt hat“, mutmaßt Formstaal-Geschäftsführer Dr. Thomas Kühmstedt.

Die wichtigsten Baukomponenten der Elektro-Solarschiffe, so die Elektromotoren, die Lithium-Polymerbatterien oder die Solarmodule, sind sehr leistungsfähig und auf dem Markt erhältlich. Diese optimal im System Schiff zusammenzubringen, darin bestand die Herausforderung für die Schiffbauer bei Form-staal/Ostseestaal. Die bis dato von beiden Firmen gebauten Elektro-Solarschiffe, darunter Fahrgastschiffe und Fähren, die unter anderem auf den Berliner Gewässern sowie in der Autostadt Wolfsburg verkehren, zeichnen eine extreme Leichtbauweise und energieverbrauchsoptimierte Komponenten aus. Die Stralsunder Konstrukteure setzen vorrangig Aluminium ein, optimieren die Schiffskörper und reduzieren den Energieverbrauch zum Beispiel durch LED-Leuchten.

„Unsere Schiffe benötigen im Vergleich zu konventionellen Schiffen für die gleiche Leistung lediglich ein Viertel der Antriebsleistung“, hebt Ingo Schillinger hervor. Die Fahrgastschiffe und Fähren werden ausschließlich mit Solarenergie und Batteriestrom betrieben.

In den Sommermonaten ist es möglich, den Tagesbetrieb der Schiffe bis zu 100 Prozent mit solarer Energie zu bestreiten. In der Dämmerung liefern die Lithium-Polymerbatterien den Strom für die Antriebsmotoren. Die Batterien werden mit solarer Energie gespeist. Zur Sicherheit ist eine stationäre Aufladung vorgesehen.

Bestellt worden ist die neue vollelektrische Autofähre von der Gemeinde Oberbillig an der Mosel. Das fachliche Konzept der Stralsunder habe überzeugt, betont Andreas Beiling, Ortsbürgermeister von Oberbillig im Landkreis Trier-Saarburg (Rheinland-Pfalz). „Mit der Neubeschaffung der modernen, strombetriebenen Fähre werden jährlich rund 14 000 Liter Diesel eingespart und die Abgas- und Lärmemissionen deutlich reduziert.“ Seit 1966 pendelt auf der Mosel eine konventionelle Autofähre zwischen Oberbillig und dem luxemburgischen Wasserbillig. Die neue Fähre wird pro Fahrt bis zu 45 Fahrgäste und sechs Autos befördern.

Im Sommer diesen Jahres waren von Formstaal/Ostseestaal bereits ein 18,5 Meter langes Fahrgastschiff an die Weiße Flotte und ein 35,5-Meter-Seminarschiff, das bis zu 200 Gäste an Bord nehmen kann, an einen Berliner Auftraggeber abgeliefert worden. Nach Angaben von Ingo Schillinger können die Schiffe aus Stralsund je nach Bedarf bis zu 45 Meter lang und 10 Meter breit sein und bis zu 300 Gäste befördern. Derzeit würden 14 weitere Elektro-Solarschiff-Projekte für die Binnenschifffahrt in Deutschland geplant. Schillinger verweist auf erste Anfragen aus Italien und den Niederlanden. „Perspektivisch sehen wir auch im Nahen Osten gute Marktchancen“, sagt er.

Für den inzwischen auf Spezialschiffe beschränkten Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern könnten die Elektro-Solarschiffe von Formstaal/Ostseestaal zu einem Impulsgeber für alternative Antriebstechnik werden. Denn während auf der Straße die E-Mobilität nur schwer an Fahrt gewinnt, haben die Stralsunder Spezialfirmen bereits das Tor zu einer emissionsfreien Schifffahrt aufgestoßen.

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