Todesmarsch : Durch die Hölle

Erinnert: Krystyna Zajac im Gespräch mit Schülern in der Goetheschule Parchim, mit Florian Kürschner (l.) und Lia Kuhnert
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Erinnert: Krystyna Zajac im Gespräch mit Schülern in der Goetheschule Parchim, mit Florian Kürschner (l.) und Lia Kuhnert

Krystyna Zajac überlebte das KZ Ravensbrück und knapp den Todesmarsch durch Mecklenburg. Schweriner Schülern erzählte sie ihre dramatische Geschichte.

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23. April 2015, 07:45 Uhr

Letzter Akt nationalsozialistischer Vernichtungspolitik vor 70 Jahren: Die Konzentrationslager, die den alliierten Truppen in die Hände zu fallen drohten, wurden geräumt, die Häftlinge ohne Verpflegung in notdürftiger Kleidung ins Landesinnere getrieben. Wer das Marschtempo nicht halten konnte, wurde erschossen. Ende April 1945 führten die Märsche aus dem KZ Ravensbrück und Sachsenhausen durch Mecklenburg. Sie endeten am Morgen des 3. Mai am Stadtrand von Schwerin. Beidseitig der Stör löste sich der Marsch ausgehungerter und erschöpfter Häftlinge in Folge der herannahenden Fronten auf.

„Es war der 23. April 1945, als es heißt: ,Marsch, Marsch, Marsch’. Ohne Essen und Trinken wurden wir vorwärts getrieben. Während des Marsches gab es nur ab und zu eine kleine Pause. Mein ganzes Denken kreiste nur um eins: Überleben.“

Krystyna Zajac ist eine weißhaarige Dame, die agil und lebendig wirkt. Mit kräftiger Stimme erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Sie wurde 1925 in Warschau geboren und wuchs dort auf. Als sich am 1. August 1944 die polnische Armee in Warschau gegen die deutsche Besatzung erhebt, meldet sie sich freiwillig. Die 19-Jährige sammelt Lebensmittel für die Aufständischen, steht Wache und kümmert sich um alte Menschen, die sich in der Kampfzone befinden. Am 2. September 1944 fordert die deutsche Besatzung die Bevölkerung auf, ihre Häuser zu verlassen. Ihre Wohnung wird zerstört, ihre Cousine erschossen. Zajac befindet sich zusammen mit ihrer Mutter unter den Warschauern, die zum Bahnhof getrieben und in ein Lager transportiert werden. Nach zwei Tagen die erste Selektion: „Anschließend wurden wir in einen Viehwaggon ,verladen‘. Dort befanden sich schon so viele Menschen, dass es unmöglich war, sich hinzusetzen. Die Fahrt dauerte etwa eineinhalb Tage“, erinnert sich die alte Dame.

Krystyna Zajac spricht Polnisch, als sie im vergangenen Jahr in der Goetheschule Parchim Schülern von ihrem Weg durch die Hölle erzählt. Jacek Zatrieb, Sohn einer inzwischen verstorbenen Teilnehmerin des Todesmarsches, begleitet sie und übersetzt. Wieder ist sie wie mehrere Male zuvor in das Land zurückgekehrt, in dem sie nur knapp dem Tod entkam. Als Zeitzeugin will sie aufklären über die Gräuel, die Millionen erleiden mussten.

Ihre Stimme wird leise, als sie von ihrer Ankunft im Konzentrationslager Groß Rosen erzählt. Die Männer werden ausgeladen, die Frauen bleiben einen Tag im KZ, ehe man sie mit dem Zug weiter transportiert. Nächste Station: Ravensbrück. Brüllende Aufseherinnen empfangen sie. Häftlinge kommen der Gruppe Neuankömmlinge entgegen. Sie dürfen nicht miteinander sprechen, verständigen sich durch Gesten und Mimik. „Im KZ Ravensbrück mussten wir ins ,Bad’ gehen und uns nackt ausziehen. Alle Habseligkeiten landeten auf einem Haufen“, schildert Zajac. Die Frauen verlassen diesen Raum kahl rasiert. „Ich hatte so schöne schwarze Haare. Ich habe fürchterlich geweint. Aber das war immer noch nicht das Schlimmste. Ich bekam eine Nummer und war von diesem Augenblick an nur noch eine Nummer“, sagt Krystyna Zajac leise. In der Baracke stehen dreistöckige Etagenbetten. In jedem Bett schlafen fünf Frauen. Zunächst wird sie zu Erdarbeiten eingesetzt – 4 Uhr aufstehen, stundenlanges Stehen auf dem Appellplatz in dünner Häftlingskleidung ohne Unterwäsche. Der Dezember 1944 ist kalt. Eine dünne Suppe, eine Scheibe Brot und Arbeit mit der Schaufel.

Zweite Selektion im KZ Ravensbrück: „Wir mussten an zwei Soldaten, einer hatte einen weißen Kittel an, vorbeimarschieren, die Hände zeigen und den Mund aufmachen. Einige Frauen wurden ausgewählt. Niemand wusste, was das bedeutet. Es gab Fälle, wo die Mütter von den Töchtern getrennt wurden. Wir sind zusammengeblieben“, erzählt Zajac. Sie kommen in eine Rüstungsfabrik nach Henningsdorf. Zwangsarbeit für den Krieg, bis zu den Bombenangriffen der Alliierten auf die Rüstungsschmiede, als die Wachmannschaften die Fabrik aufgaben und die entkräfteten Frauen am 23. April 1945 auf einen mörderischen Marsch schicken – Todesmarsch Richtung Westen. „Wir marschierten unter Bewachung Tag und Nacht. Man durfte nicht stehen bleiben oder den Anschluss verlieren. Dann wurde man erschossen“, schildert Zajac den Parchimer Schülern die Schreckenszeit. Sie werden um die Orte herum über Feldwege und durch Wälder getrieben. Sie haben keine Orientierung. Durst und Hunger quälen sie entsetzlich. Die Häftlinge essen Gras. Ihr Denken konzentriert sich nur noch darauf, den nächsten Schritt zu gehen. Nicht aufgeben! „Irgendwann hatte ich dann nicht einmal mehr Hunger. Ich fühlte mich nur noch unendlich kraftlos.“ Krystyna schleppt sich weiter vorwärts. Dann die Katastrophe: Sie stolpert und fällt auf ihr Gesicht. „Meine Nase war gebrochen, alles voller Blut. Ich hatte keine Kraft mehr aufzustehen“. Alles ist ihr gleichgültig, keine Hoffnung mehr. „Sie werden mich erschießen.“ Zwei Häftlingsfrauen bemerken ihr Stolpern, heben sie auf und schleppen sie weiter. Krystyna Zajac hat Glück im Unglück. Fahrzeuge der „Rettungsaktion Weiße Busse“ des Schwedischen und Dänischen Roten Kreuzes sind in der Nähe und nehmen sie auf. Wo und wann das geschah? Vielleicht am 1. oder 2. Mai 1945, vielleicht zwischen Lübz und Crivitz, genau weiß sie es nicht. Erstmals ist Krystyna Zajac im vergangenen Jahr dorthin zurückgekommen – als Zeitzeugin, die in Gesprächen mit Schülern in Parchim, die 70 Jahre später am vergangenen Wochenende bei der Gedenkfeier in Ravensbrück mit einem Gebet die Erinnerung wachhalten will. Zajac hat Glück damals. Zusammen mit Frauen verschiedener Nationen bleibt sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 3. Mai in Obhut des Roten Kreuzes. In der Nacht vom 3. zum 4. Mai kommt es zu einem Zwischenfall. Sowjetische Soldaten dringen in das Haus ein, in dem die Frauen übernachten. Es kommt zu Vergewaltigungen. Krystyna Zajac übersteht die Nacht auf Grund ihres entstellten Gesichtes unbeschadet. Sie wird im Krankenwagen nach Lübeck gebracht. Auf Wunsch ihrer Mutter kehren sie 1946 in das zerstörte Warschau zurück.

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