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„On the Road“ auf der B96 : Durch den wilden Osten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Berliner Autor Marc Kayser bereiste die B 96 von Sachsen bis an die Ostsee und erlebte Unglaubliches

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Mehr als 520 Kilometer lang und mehr als 80 Jahre alt ist die Bundesstraße B96. Der Berliner Autor Marc Kayser bereiste für sein Buch „Große Freiheit Ost – Auf der B96 durch ein wildes Stück Deutschland“die Strecke. „Ich habe ein Stück Deutschland kennengelernt, was ich so nicht erwartet habe“, sagt Kayser im Gespräch mit Gudrun Janicke. Rechts und links der Strecke von Zittau in Sachsen bis an die Ostsee habe er Spuren der Vergangenheit gesehen, aber auch wie sich die Straße veränderte.

Was hat Sie am meisten bei der Tour fasziniert?
Kayser: Es gibt landschaftlich tolle Ecken. In Mecklenburg-Vorpommern stehen an den Straßen Bäume, deren Äste wie Domdächer den Asphalt beschützen. Aber das eigentlich Wunderbare sind die unglaublichen Geschichten.

Mit welchen Erlebnissen hatten Sie gar nicht gerechnet?
Im Laden eines Ehepaares hinter Zittau lag der Ketchup direkt neben der Schreckschusswaffe. Dann durfte ich das erste Mal aus einem glühenden Stück Eisen einen Kuhfuß schmieden. Dann tanzte ich mit einer Sorbin. Und ein Rentner auf Rügen, der Marmelade verkaufte, erwies sich als Mathematiker, der komplizierte Rechnungen zum Zeitvertreib löste. Die meisten waren nett. Einer bat mich sogar, die Straße gut zu behandeln. Über sie sei er immer zu seiner Geliebten gefahren.

Haben Sie sich vorbereitet?
Gar nicht. Ich habe es wie mein Vorbild Jack Kerouac („On the Road“) gemacht: Bin einfach losgefahren und habe alles auf mich zukommen lassen. Ich wusste morgens nicht, wo ich abends schlafen werde.

Wie lange waren sie „On the Road“?
Zwischen Ende 2014 bis Mitte 2015. Ich bin insgesamt 2500 Kilometer gefahren. Für mich spiegelt die Straße Deutschland im Kleinen wider. Ich glaube, solch ein Trip ist auch eine kleine Bestandsaufnahme von dem, was ist und von dem, wie es einmal war.

Wie kamen Sie auf den Titel „Große Freiheit“?
Die Straße ist eine große Freiheit. Da sind die vielen Hinweise auf die Vergangenheit, wie alte Bus-Wartehäuschen oder verblichene Namenszüge ehemaliger DDR-Läden. Man staunt über Lärm, wenn die B96 durch Berlin führt, oder erlebt die absolute Stille auf dem Land. Es gibt auch Versuche, die Straße aus den Städten zu verlegen oder streckenweise durch eine Autobahn zu ersetzen. Das habe ich nicht gemocht.

Warum die Mühe, die Straße einmal komplett zu befahren?
Weil man dann zu sich selbst findet. Man lernt sein Land kennen. Nicht zu vergessen: Es gibt regionales Essen und Bier, aber auch unterschiedliche Mentalitäten und Dialekte. Und man erfährt, wie viel Menschliches auf dieser verrückten Straße passiert.

Haben Sie Lust auf Wiederholung?
Gerade bin ich die Elbe entlanggefahren, von der Quelle im Riesengebirge bis zur Mündung in Cuxhaven. Ich erkundete Geschichten eines Stroms, die mich wiederum überraschten.

Zur Person: Marc Kayser
Marc Kayser (54) ist Autor und Schriftsteller. Er wurde in Potsdam geboren, wuchs in Rostock auf und studierte in München. Kayser arbeitete für Zeitungen und veröffentlichte drei Romane. Er lebt in Berlin.
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