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Staatsbürgerschaft : Dürfte ich deutscher Staatsbürger sein?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Volontär Thomas Stengel möchte im Selbstversuch herausfinden, welches Wissen Bewerbern um die deutsche Staatsangehörigkeit im Einbürgerungstest abverlangt wird

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2014 | 11:55 Uhr

Die Erwartungen sind hoch und der Fall auf den Blamagen-Boden ziemlich tief: Nicht nur als angehender Journalist vor den Lesern und als Kollege in der Redaktion sollte ich mit meinem Wissen im Einbürgerungstest glänzen. Weitaus peinlicher wäre jedoch, den Anforderungen des eigenen Landes nicht zu genügen. Mit den 33 Muster-Fragen werde ich mich testen. Ich möchte wissen: Dürfte ich überhaupt deutscher Staatsbürger sein?

Auf der Webseite des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beginne ich den Online-Bogen. Meine erste Frage lautet: „Welches Gericht in Deutschland ist zuständig für die Auslegung des Grundgesetzes?“ Aus den vier Antwortmöglichkeiten (Oberlandesgericht, Amtsgericht, Bundesverfassungsgericht und Verwaltungsgericht) muss ich eine wählen. Da die Verfassung für alle Bundesbürger gilt, liegt die Antwort nahe.

Ganz passable erste Frage, denke ich mir. Dass es dabei nicht bleibt, ist mir bewusst. Schließlich hat der Katalog des Bundesamtes noch 309 andere Fragen zu bieten, aus denen per Zufall immer 33 ausgewählt werden. Neben den Themen „Leben in der Demokratie“, ,„Geschichte und Verantwortung“ und „Mensch und Gesellschaft“, drehen sich auch einige Fragen um das jeweilige Bundesland, in welchem der Test vollzogen wird. So soll ich benennen, welche Farben die Landesflagge von Mecklenburg-Vorpommern hat – ein Kinderspiel. Zumal aus den jeweiligen Antwortmöglichkeiten jeweils immer eine einzige zu wählen ist. Ich freue mich über mein Wissen. Und die Leichtigkeit des Tests. Das hält noch einige Fragen an.

Doch schon bei der nächsten Aufgabe komme ich ins Grübeln. „Es gehört nicht zu den Aufgaben des Deutschen Bundestages,...“ a) Gesetze zu entwerfen, b) die Bundesregierung zu kontrollieren, c) den Bundeskanzler/ die Bundeskanzlerin zu wählen und d) das Bundeskabinett zu bilden. Mein Hirn läuft auf politischen Hochtouren. Ich versuche mit Hängen und Würgen die Begriffe auseinander zu splitten und merke, dass nicht allzuviel aus dem Pb-Unterricht während des Abiturs hängen blieb.

Ich merke auch, dass in meinem Alltag Politik kaum eine große Rolle spielt. Klar lese ich Nachrichten – Berufskrankheit – und natürlich weiß ich, wer Angela Merkel ist. Aber diese eine Frage wirft meine bisherige Selbstüberzeugung zum Wissenstand über die Republik über Bord.

Dabei ist doch die Hälfte der Fragen bereits beantwortet. Viele davon zum politischen System unseres Landes. Bei 17 richtigen Antworten hätte ich den Test bereits bestanden.

Ich hänge aber immer noch an der Frage zum Deutschen Bundestag. Sie frustriert mich. Ich rate also und wähle die falsche Antwort, wie sich im Nachhinein rausstellt.

Es wird nicht besser. Der Fragestil ändert sich nicht großartig: Viele Fragen zielen auf die Strukturierung unserer Regierung (Wer ernennt MinisterInnen oder was ist Aufgabe der parlamentarischen Opposition?). Dann ein neuer Themenbereich. Geschichtsfragen. Besser: DDR-Geschichtsfragen.

Obwohl ich dort 1988 geboren bin, fiel bereits wenige Monate nach meinem ersten Geburtstag die Mauer. Und auch im Geschichtsunterricht am Gymnasium wurde das Thema nur tangiert. Ich glaube, die DDR ist mein blinder Fleck. Wann die Mauer erbaut wurde und wie sie Deutschland in zwei Teile spaltete, das weiß ich. Aber nicht, was sich am 17. Juni 1953 ereignete. Ratlosigkeit, die mich raten lässt. Schon lange grub ich nicht mehr so tief in den Windungen meines Geschichtsabteils. Höchstens mal bei Quizsendungen. Da lässt’s sich ja sorglos mitraten. Es geht um nichts. Anders als bei meinem Online-Einbürgerungstest.

Nummer 33 beende ich etwas verunsichert mit dem Klick auf den grau unterlegten Button, wenngleich noch 40 Minuten zur Beantwortung übrig blieben. Die Spannung steigt. Der Computer rödelt.

Bestanden. Fünf Antworten waren falsch. Ich bin erleichtert. Stolz erzähle ich mein Ergebnis in der Redaktion. Und gleichzeitig frage ich mich, was dieses Resultat aussagt. Bin ich fähig, Deutscher zu sein? Wie bei einem Bewerbungsgespräch passen Qualifikation des Anwärters zu den Anforderungen der Firma. Deutschland und ich scheinen konform zu sein. Doch der bestandene Test hat einen bitteren Beigeschmack. Ich habe vielen Bekannten und Freunden von der Muster-Einbürgerungsprüfung erzählt. „Und, darfst du bleiben?“, kam stets als ironische Frage. Ich „darf“, das weiß ich nun.

Ich gebe den Test dann immer gerne weiter, damit auch die Neunmalklugen sich prüfen können. Ich meine sogar, ab und an deren Köpfe qualmen gesehen zu haben.

 

 

Auflösung aus dem Wissenstest: 1: d, 2: b, 3: c, 4: b, 5: b, 6: b, 7: b, 8: a, 9: d, 10: d

 

 

 

 

 

 

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