Zahl der Windräder soll sich verdoppeln : Dünne Leitung bremst Windstrom

<strong>Windkraftanlagen</strong> der Nähe von Brüssow  in einem Windpark.<foto>dpa</foto>
Windkraftanlagen der Nähe von Brüssow in einem Windpark.dpa

Eine frische Brise weht über MV: Die Äste der noch laublosen Bäume wiegen sich im Wind. Die mächtigen Rotorblätter der Windmühlen aber stehen still. Ungenutzt streicht die Kraft des Windes über die Kunststoffflügel.

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03. März 2013, 08:30 Uhr

Schwerin | Eine frische Brise weht über die Mecklenburger Niederungen. Die Äste der noch laublosen Bäume wiegen sich im Wind. Die mächtigen Rotorblätter der Windmühlen auf dem Feld aber stehen still. Ungenutzt streicht die Kraft des Windes über die Kunststoffflügel. Sie sind zur Untätigkeit verdammt. Überlastete Netze können den Strom nicht aufnehmen und zu Verbrauchern im Süden Deutschlands transportieren. Speicher für überschüssigen Ökostrom fehlen. "So was kommt immer wieder vor. Es ist ärgerlich und ökonomisch wie ökologisch alles andere als sinnvoll", meint Tobias Struck vom Energieversorger Wemag in Schwerin.

Der Netzausbau, das weiß auch Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), ist eine der Engstellen, an denen die angestrebte Energiewende - weg von Kohle und Atom, hin zu Wind und Sonne - noch heftig stockt. Heute will er sich in Schwerin der Diskussion mit Unternehmern des Landes stellen. Viele Firmen im windreichen Norden erhoffen sich gute Geschäfte mit der Umstellung auf Öko-Energie. Doch sie wollen auch bezahlbaren Strom. Und da hat der Minister mit seiner Kostenschätzung für die Energiewende von einer Billion Euro gerade alte Befürchtungen geschürt statt neue Hoffnungen geweckt.

Das beunruhigt auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Für Mecklenburg-Vorpommern, da ist er sicher, ist die Energiewende eine große wirtschaftliche Chance. Mehrere Windanlagenbauer sind im Land aktiv, die Werften könnten noch mehr vom Bau der Offshore-Windparks auf See profitieren und Ersatz so für den weggebrochenen Frachtschiffbau finden. Und das Land selbst könnte schon bald zum Stromexporteur werden. "Die Bundesregierung geht die Energiewende viel zu zögerlich an. Und manche ihrer Vorschläge zur Begrenzung der Strompreise schrecken Investoren ab. Wir brauchen auch weiterhin eine verlässliche Förderung der erneuerbaren Energien", mahnt Sellering, gerade aufgeschreckt von der Nachricht, dass ein ausländischer Großinvestor für einen Ostsee-Windpark die Büroeröffnung in Berlin auf unbestimmt verschoben hat.

Tobias Struck, beim kommunalen Energieversorger Wemag für Zukunftsprojekte zuständig, ist dennoch sicher, dass die Energiewende keine Rolle rückwärts machen kann. Wie auch der Vorsitzende des Vereins "Wind Energy Network", Andree Iffländer: "Viele alte Kraftwerke müssten in den kommenden Jahren ohnehin erneuert werden. Investitionen, die sich dann auch im Strompreis niederschlagen, sind also in jedem Fall nötig. Besser in Anlagen, die kostenlose Quellen wie Sonne und Wind nutzen, als in solche für Kohle oder Öl. Fossile Brennstoffe sind endlich, werden teurer und schädigen bei der Verbrennung unsere Umwelt", argumentiert Iffländer.

Die Wemag versorge fast alle ihre Privatkunden schon seit 2008 zu 100 Prozent mit Öko-Strom, sagt Struck. Mit eigenen Wind- und Solaranlagen will das Unternehmen, das seit 2010 im Besitz von etwa 200 Gemeinden ist, künftig stärker auch als Produzent in Erscheinung treten. "Jede neue Anlage aber vergrößert derzeit die Probleme bei der Einspeisung. Und Speichersysteme für überschüssigen Öko-Strom, wie etwa Pumpspeicherwerke, benötigen besondere geografische Voraussetzungen. Wir müssen also auch nach neuen Wegen suchen", meint Struck.Zur Not auch Umwege. Über die Wasserstoff- und Methanproduktion zum Beispiel. "Wir werden südlich von Schwerin eine Pilotanlage errichten, die überschüssigen Windstrom mittels Elektrolyse in Wasserstoff und dann weiter in Methan umwandelt. Dieses Gas kann problemlos in das System der Erdgasleitungen eingespeist und so zu kleinen und großen Abnehmern in ganz Deutschland transportiert werden", erläutert Struck. Er geht davon aus, dass die Anlage noch in diesem Jahr direkt an der neuen Norddeutschen Erdgas-Leitung NEL aufgebaut und spätestens 2014 in Betrieb genommen werden kann.

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