Prozess in Schwerin : Drogen-Bande hielt Zwangsarbeiter

 

 

Dem Drogengeschäft schob die Polizei einen Riegel vor, noch ehe eine Bande die Ernte von einer illegalen Hanfplantage in Schwerin einbringen konnte. Nun stehen vier mutmaßliche Täter vor Gericht - und mit ihnen fünf Vietnamesen, die wohl eher Opfer waren.

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13. August 2015, 21:00 Uhr

Am Schweriner Landgericht hat heute einer der umfangreichsten Drogen-Prozesse in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns begonnen. Vier Männer sind angeklagt, im Keller eines leerstehenden Gewerbegebäudes in Schwerin-Görries eine riesige Marihuana-Plantage aufgebaut zu haben. Zur Pflege der mehr als 2200 Pflanzen sperrten sie fünf Vietnamesen in den Keller, die illegal nach Deutschland eingeschleust worden waren. Die Zwangsarbeiter lebten dort laut Anklage bereits mehr als sechs Wochen in „unzumutbaren und menschenunwürdigen“ Zuständen, bevor die Polizei im Februar dieses Jahres die illegale Plantage auffliegen ließ.

Als Haupttäter müssen sich ein 39-jähriger Schweriner, ein 49-jähriger Armenier und zwei 48 und 55 Jahre alte Vietnamesen vor Gericht verantworten. Jedoch stehen auch ihre fünf „Pflanzenpflegekräfte“ im Alter zwischen 19 und 44 Jahren vor Gericht. Denn der Anbau von Marihuana ist strafbar. Bei einem Prozess mit neun Angeklagten ist selbst Saal 8 am Schweriner Demmlerplatz, der größte des Gerichts, mit Prozessbeteiligten überfüllt. Jedem Angeklagten steht ein Verteidiger zur Seite. Hinzu kommen mehrere Übersetzer - und natürlich das fünfköpfige Gericht und die Staatsanwälte. Platz für Zuschauer ist nur noch auf einer Empore, von der der Saal nur zum Teil zu überblicken ist.

Die beiden vietnamesischen Hauptangeklagten und der Armenier hatten den Keller im Herbst 2014 von dem angeklagten Schweriner Eigentümer der Gewerbe-Immobilie angemietet und in ihre Pläne eingeweiht. 70 000 Euro Miete sollte er für den Keller bekommen. Als am 13. Februar 2015 die Ermittler vermutlich aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung zuschlugen, fanden sie 2200 Canabispflanzen im erntereifen Zustand. Daraus hätte die Drogen-Bande nach Schätzung der Staatsanwaltschaft 66 Kilogramm Marihuana gewinnen können. Schwarzmarktwert: 500  000 Euro.

Erschreckend waren die Wohnverhältnisse der Pflanzenpfleger. Die wenigen Fenster waren vergittert, verdunkelt und mit Styropor auch akustisch abgedämmt. Kein Lichtstrahl und kein Geräusch sollte die Drogen-Anlage verraten. Aber es drang auch kein Tageslicht und nur wenig Frischluft in den Keller. Die Türen waren nur von außen zu öffnen. Auch die Aufenthaltsräume blieben von Ausdünstungen der teilweise giftigen Düngemittel nicht verschont. Die Haupttäter hatten die Vietnamesen in Russland, Polen und Tschechien unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworben und ihnen dann in Schwerin die Pässe abgenommen. Die fünf Plantagen-Arbeiter hatten keine Chance. Den versprochenen mickrigen Lohn haben sie nie erhalten.

Die Ermittler vermuten, dass die Bande weitere Hintermänner u. a. in Berlin hatte, die aber noch nicht gefasst werden konnten. Acht der Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Der Schweriner Keller-Besitzer befindet sich auf freiem Fuß. Der erste Verhandlungstag wurde nach Verlesen der Anklage und einer Befragung zu den Personen beendet. Für den Prozess, der nun am 1. September fortgesetzt werden soll, waren insgesamt zwölf Verhandlungstage angesetzt worden.

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