Bevormundung der Eltern? : Drei Mahlzeiten inklusive

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Vollverpflegung in Kindertagesstätten wird 2015 Pflicht – nicht alle Eltern sind damit einverstanden

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30. Juli 2014, 07:49 Uhr

Die meisten Mädchen und Jungen greifen tatsächlich zum Knäckebrot. Vielleicht, weil es hier „Knusperbrot “ heißt? In der Awo-Kita „Leuchtturm“ öffnet an jedem Morgen um 8 Uhr das Kinderrestaurant zum Frühstück. Die Kleinen bedienen sich selbst vom Büfett – die einen greifen zur Putensalami, andere zu den Gurkenscheiben, mancher mag am liebsten Müsli, und natürlich gibt es auch Honig- oder Marmeladenesser.

Vollverpflegung statt Brotdose: Für die 45 Mädchen und Jungen in der Kindertagesstätte am Schweriner Pfaffenteich ist das eine Selbstverständlichkeit. Und nicht nur für sie. Zwischen 70 und 80 Prozent der Kindereinrichtungen im Land praktizieren nach Angaben des Sozialministeriums bereits seit längerem, was ab 2015 auch für den Rest gesetzlich vorgeschrieben wird: eine vollwertige und gesunde Verpflegung während der gesamten Betreuungszeit.

In den „Rest-Kitas“ allerdings gab und gibt es kritische Stimmen. Von Bevormundung der Eltern ist die Rede und von einer drohenden Kostenexplosion. Für Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) „eine schräge Diskussion“, zumal die Vollverpflegung schon länger im Gesetz steht – nur bislang freiwillig.

Dennoch hat die Ministerin sich vor diesem Hintergrund eine Reihe von Kindertagesstätten angeschaut. Ihr Eindruck: Von einer Kostenexplosion kann keine Rede sein, 70 bis 80 Euro zahlen Eltern im Schnitt für die Vollverpflegung. Belege für eine höhere Belastung habe ihr niemand vorlegen können. Und außerdem: Wenn Eltern die Mahlzeiten mitgeben, koste das auch Geld – und Zeit.

Die Leiterin des „Leuchtturms“, Anke Hafemann, wollte sich ganz einfach „die Milchschnittendiskussion“ ersparen und bestand von Anfang an darauf, dass das Frühstück in der Einrichtung selbst gemacht wird. Dafür und für die nachmittägliche Vesper bezahlen Eltern je 50 Cent. Das Mittagessen kostet 2,90 Euro, darin eingeschlossen ist eine Getränkepauschale für den ganzen Tag. „Durchschnittlich kommen so im Monat 70 bis 80 Euro für die Eltern zusammen“, bestätigt die Leiterin die Zahlen der Ministerin. Klagen, dass das zu viel sei, habe sie noch nicht gehört – bei 40 Prozent der Eltern würde allerdings sowieso das Jugendamt die Kita-Kosten ganz oder teilweise übernehmen.

Während im „Leuchtturm“ das Mittagessen geliefert wird, bereitet eine Küchenkraft die beiden anderen Mahlzeiten vor. Allerdings hätten auch die Erzieherinnen noch einiges zu tun mit dem Auf- und Abräumen oder damit, am Spätnachmittag – die Kita ist bis 20 Uhr geöffnet– zum Beispiel ein paar Würstchen warmzumachen. Diesen Aufwand würde leider niemand erstatten, bedauert die Leiterin. Im Nordwestkreis, so Ministerin Hesse, sei die Vorbereitung der Mahlzeiten als pädagogische Arbeit abrechenbar – jeder Kreis könne das allerdings selbst verhandeln. Landesweit einheitlich geregelt sei dagegen künftig der Umgang mit sozialen Härtefällen: Eltern müssten nur noch einen Antrag auf Kostenerstattung statt bislang mehrerer bei unterschiedlichen Kostenträgern stellen, heißt es aus dem Ministerium.

Vollverpflegung ist pädagogisch wertvoll, findet Anke Hafemann: „Die Kinder lernen zu wählen, sie lernen, sich selbst zu bedienen und ihre Brote allein fertigzumachen“, zählt sie auf. „Und sie lernen, dass Essen nicht wie von Zauberhand selbst auf den Tisch kommt“, ergänzt die Ministerin, die selbst jeden Morgen die Brotdose für ihre Tochter füllt. Was und wie täglich gegessen und getrunken werde, trage zur Entwicklung und Festigung von Geschmacks- und Handlungsmustern bei, betont Hesse. Auch deshalb sei Vollverpflegung in der Kita wichtig.

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