Kindstötung in Wittenburg : „Drei kurze Schreie. Und dann war Ruhe“

Die Angeklagte kurz nach dem Urteil mit ihrem Verteidiger

Die Angeklagte kurz nach dem Urteil mit ihrem Verteidiger

Frau für Tötung ihres Babys zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Mutter wollte die Geburt vor dem Kindsvater verheimlichen

svz.de von
19. Januar 2018, 11:04 Uhr

Wahrscheinlich musste Josefin sterben, weil sie tat, was alle Babys kurz nach der Geburt tun: sie schrie. Die Mutter wollte verhindern, dass der im Nachbarzimmer schlafende Vater dieses „Ich bin da!“ hört. Schließlich hatte sie ihm, der nur selten zu Besuch kam, die ungewollte Schwangerschaft verheimlicht. Wahrscheinlich legte sie die Steppdecke, auf der sie das Mädchen am 3. Januar 2015 in ihrer Küche in Wittenburg gerade erst zur Welt gebracht hatte, übers kleine Gesicht. Oder sie hielt ihm Mund und Nase zu, wohl wissend, dass das Baby das nicht überleben wird. Danach lagerte sie den Leichnam gut zwei Jahre lang im Tiefkühlschrank.

„Drei kurze Schreie. Und dann war Ruhe“, fasste am Landgericht Schwerin der Vorsitzende Richter Otmar Fandel am Freitag die Tat der 40 Jahre alten Mutter zusammen. Wegen Totschlags in einem minderschweren Fall verurteilte sie das Gericht zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Die Staatsanwältin hatte sechs Jahre gefordert. Mit gesenktem Kopf nahm die Angeklagte das Urteil hin.

Fandel warf ihr Egoismus vor. Keine Chance, über das Kind mitzubestimmen, habe sie dem Vater gelassen, der sich schon lange ein gemeinsames Kind wünschte. Die Frau hatte eingeräumt, sie habe das Kind nach der Geburt nicht behalten wollen. Aber, so das Gericht, sie kümmerte sich nicht um eine Adoption, eine anonyme Geburt oder den Weg zur Babyklappe. Auch kaufte sie keine Babykleidung. „Sie ließ die Geburt auf sich zukommen, sie ließ sich treiben.“ 

Richter Fandel stellte allerdings klar, dass die Angeklagte den Tod des Babys nicht geplant hatte, auch wenn sie nichts für das weitere Leben des Mädchens vorbereitete. Probleme zu verdrängen, zu verschweigen gehöre zum Wesen der Angeklagten.

Andererseits verwies das Gericht  die Version der Frau ins Reich der Legenden, laut der sie nach der Geburt ohnmächtig wurde und das Kind tot war, als sie zu sich kam. Gutachter hatten keine Indizien für einen natürlichen Tod des Mädchens gefunden und eine Ohnmacht der Mutter nach der Geburt ausgeschlossen. Sie glaubten auch nicht, dass sie das tote Kind im Tiefkühlschrank lagerte, weil sie sich nicht von ihm trennen wollte. Wahrscheinlich wollte sie den Leichnam verstecken und sich vor einer Strafverfolgung schützen.

Rätselhaft bleibt, wie der Leichnam in das Waldstück in Wittenburg kam, wo ihn Spaziergänger am 1. März 2017 fanden. Die Angeklagte hatte sich längst vom Vater des toten Kindes getrennt. Ihr neuer Freund behauptete vor Gericht, er habe, ohne genau hinzusehen, die Plastiktüten ausgeschüttet, in denen er angeblich einen überlagerter Entenbraten vermutete. Glaubwürdig ist diese Geschichte nicht, aber auch nicht strafbar.

Während der Fahndung nach der Mutter des Säuglings hatte die Polizei 1700 Frauen aus der Region aufgefordert, eine Speichelprobe für einen DNA-Test abzugeben. Die Angeklagte beteiligte sich nicht daran. Die Ermittler kamen Anfang Juli 2017 auf ihre Spur, nachdem sie über Umwege den Vater ausfindig machten. Damals wusste er nichts von seiner Tochter, die kaum eine Stunde gelebt hatte. Inzwischen hat er dafür gesorgt, dass das bislang namenlose Kind den Namen „Josefin“ erhält und würdevoll beerdigt wird.

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