Drei Jahre danach: In L’Aquila herrscht noch immer Chaos

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20. Mai 2012, 08:43 Uhr

Vielerorts sieht es aus, als hätte sich nicht viel getan: großteils verwaiste Innenstädte, Schuttberge, ganz rasch gegen den Einsturz gesicherte Palazzi und Kirchen, geschlossene Läden. Auch drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in den Abruzzen vom 6. April 2009 lässt der Wiederaufbau weitgehend auf sich warten.


Etwa 20 000 Menschen leben in provisorischen Unterkünften oder in jenen 19 schnell aus dem Boden gestampften „new towns“ am Rande ihrer Kommunen. Deutschland leistete tatkräftige Hilfe im kleinen Onna, unweit der Stadt L’Aquila. Doch es bleibt noch viel zu tun. Millionen Tonnen Schutt warten noch.
Schon die erste Bilanz nach dem Beben der Stärke 6,3 war deprimierend – 309 Menschen starben durch den nächtlichen Erdstoß (3.32 Uhr), etwa 2000 wurden verletzt.

Die Schäden in L’Aquila und Dutzenden anderen mittelitalienischen Kommunen waren so gewaltig, dass sich sofort die Frage stellte, wie all das wieder aufgebaut werden kann und bis wann. Mehr als 23 000 Privathäuser sind eingestürzt oder stärker beschädigt. 120 Kilometer nordöstlich von Rom herrscht Chaos. Allein im historischen Zentrum von L’Aquila sind Kirchen, Palazzi und viele andere Monumente von dem Erdstoß stark betroffen. Die früher sehenswerte Altstadt wurde großenteils gesperrt. Wertvolles Kulturerbe ist bedroht, könnte für immer verloren gehen. Die ersten Arbeiten waren das Werk des damaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi, der sich mehrfach publikumswirksam sehen ließ und vollmundig Hilfe versprach.


Auf diese Unterstützung hofft die geschundene Region immer noch – und setzt auf Berlusconi-Nachfolger Mario Monti. „Mit ihm ist etwas Optimismus zurückgekehrt“, sagt der Bürgermeister von L’Aquila, Massimo Cialente. Milliarden Euro stehen jedenfalls für die dringenden Arbeiten bereit. Der Verlust des eigenen Hauses und von Kulturschätzen ist für die Menschen in den Abruzzen aber nicht alles. Kleine und mittlere Firmen schlossen, zusätzlich bedrängt von der allgemeinen Wirtschaftskrise.


Psychologen sprechen unterdessen von einer „stummen Depression“ vieler Menschen in der Region, von einem ständig nagenden Gefühl der Traurigkeit, Apathie und Entmutigung. Die Zahl der Selbstmorde sei vor allem unter den Älteren gestiegen, heißt es. „Bei Jüngeren nimmt der Konsum von Drogen, Alkohol und Psychopharmaka zu“, sagte der Bürgermeister der ebenfalls schwer geschädigten Gemeinde Villa SantAngelo, Pierluigi Biondi. „Normalisierung und Beschleunigung“ seien nun angesagt, also nichts Revolutionäres, gibt der zuständige Minister Fabrizio Barca den Kurs vor. Er will die Bürger beteiligen, wenn es darum geht, über Aufbauprojekte zu entscheiden.

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