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Mehrgenerationen-Wohnen : Dorf 2.0 mitten in der Stadt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vier Generationen werden im WohnWerk in Schwerin unter einem Dach leben – Neue Projekte sind bereits angedacht

Schwerin Bretterstapel und Baugerüste draußen, offene Türen und zugige Treppenhäuser drinnen: Noch ist es nicht gemütlich im WohnWerk. Doch im Sommer wird – nach vielen Jahren Leerstand - das bunte Leben zurückkehren. Dann nämlich werden 45 Menschen hier einziehen, im Alter zwischen wenigen Monaten und mehr als 80 Jahren. Sie sind nicht verwandt und nicht verschwägert und wollen trotzdem zusammenleben: Hier entsteht das erste generationenübergreifende Wohnprojekt der Landeshauptstadt.

Das Haus in der Hospitalstraße steht seit 1840, war zuerst Grundschule, später Medizinische Fachschule der Schweriner Kliniken. „Es ist noch 1993 saniert worden, stand zuletzt aber zehn Jahre leer. Wir haben es von der Stadt gekauft“, sagt Kerstin Döring, Architektin und zukünftige Bewohnerin. „Die Bausubstanz war gar nicht schlecht, aber die Einbauten der Schule brauchten wir natürlich nicht, und auch einen zweigeschossigen Anbau haben wir abgerissen.“

Wir – das ist eine Gruppe von Menschen, die sich über etwa drei Jahre zusammengefunden hat. Die Idee geht auf ein Gespräch unter Freunden zurück: Gottfried Timm, Pastor und ehemaliger Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, und der Innenarchitekt Thomas Kaase kamen auf die Idee, ein generationenübergreifendes Wohnprojekt zu verwirklichen. „Wir haben Leute angesprochen, die wir kannten, ob sie mitmachen wollen“, erinnert sich Timm. „Zwischendurch waren wir mal viel mehr, aber mit der Zeit blieben etwa 45 übrig, davon 15 Kinder – eine sehr homogene Gruppe, menschlich fest beieinander.“ Kerstin Döring ergänzt: „Wir haben in der Mischung darauf geachtet, dass es nicht nur junge Familien oder nur Rentner sind, sondern dass etwa die Hälfte über 50 und die andere unter 50 Jahre alt ist.“ Sie alle lernten sich kennen, indem sie viel miteinander sprachen. Und indem sie miteinander arbeiteten. Bis heute sind jeden Sonnabend einige der Bauherren zum Arbeitseinsatz auf dem Gelände – je nachdem, wer Zeit und Lust hat. Eine Pflicht dazu gibt es nicht.

„Manchmal schaffen wir viel und erzählen wenig, und manchmal ist es umgekehrt“, lacht Döring. Der offizielle erste Spatenstich war im Mai letzten Jahres, im Sommer wird Einweihung gefeiert. Schwierigkeiten gab es in erster Linie mit den rechtlichen Strukturen. Die Gruppe ist eine „gegenwärtige Baugemeinschaft, zukünftige Wohngemeinschaft“, arbeitet ohne Bauträger, leistet viele Arbeiten selbst, jeder finanziert seine eigene Wohnung – ungewöhnlich für die Behörden. Zum Glück finden sich in der Gruppe einige Mitglieder, deren Berufe dem Projekt weiterhelfen, angefangen bei drei Architekten über Experten für Wirtschaft und Recht bis hin zu handwerklich begabten Bauherren. Auf der Freifläche hinter dem Haus soll es einen Spielplatz für die jüngeren und Gartenflächen für die älteren Bewohner geben. Ein Nebengebäude wird zum Gemeinschaftsraum. Gegenseitige Hilfe spielt eine große Rolle. „Babysitten, einkaufen, Kaminholz tragen oder Hühnersuppe kochen, wenn jemand krank ist - Dorf 2.0“, so nennt es Kerstin Döring.

Allen ist klar, dass so ein Zusammenleben nicht immer ohne Spannungen bleibt. Manch einer wünscht sich vielleicht mehr Gemeinsamkeit, ein anderer braucht mehr Ruhe. „Jeder hat ja seine eigene Wohnung – wer möchte, lässt die Tür zu. Wir teilen die Gemeinschaft, nicht den Haushalt“, stellt Timm klar. Auch darüber haben die Gruppenmitglieder schon gesprochen. Die geplanten 14 Wohneinheiten sind weitgehend vergeben. Alle Familien sind Eigentümer, nur zwei Wohnungen werden vermietet. So sei eine gewisse Fluktuation gesichert, die der Gruppe guttun könne, meint Timm.

Deutschlandweit gibt es bereits hunderte solcher Projekte, in Schwerin ist dies das erste. „Ich glaube, es war hierzulande nach den 40 Jahren DDR erstmal schwierig, so etwas Gemeinsames zum Thema zu machen“, meint Timm. „Aber jetzt ist das Interesse enorm, man könnte sofort ein zweites oder drittes derartiges Projekt anschieben.“ Und deshalb nehmen die drei Architekten nach dem Einzug vielleicht gleich das nächste Generationen-Wohnhaus in Angriff.

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