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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 18:58 Uhr

Alltag mit Diabetes : Doppelter Balanceakt

vom

22 junge Menschen verleben in Waren an der Müritz gerade eine Ferienwoche voller Abenteuer. Doch sie müssen permanent aufpassen: Sie leiden an Diabetes. Neun Experten sind dabei und lehren, den Alltag zu meistern.

svz.de von
erstellt am 27.Jun.2013 | 07:48 Uhr

Waren | Es ist ein doppelter Balanceakt: Die elfjährige Michelle wackelt auf einem dünnen Seil in vier Metern Höhe. In ihrem jungen Körper schwankt ihr Blutzucker ebenso, wenn sie Abenteuer im Kletterwald besteht und wenn sie nicht aufpasst. Das Mädchen kann sterben, wenn sein Zuckerspiegel außer Kontrolle gerät. Denn Michelle hat Diabetes mellitus Typ I, genau wie Ann-Cathrin (15) und Sonja (6), die ihr vom Boden aus Mut machen. Beim Diabetes-Schulungscamp lernen 22 Kinder und Jugendliche in Waren an der Müritz (Landkreis Mecklenburgische Seeplatte) in dieser Woche ihre Ernährung, ihren Alltag und ihre Ängste zu meistern. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist es das erste Ferienlager dieser Art in Norddeutschland.

Neun Spezialisten des Medi Clin Müritz-Klinikums begleiten die Betroffenen im Alter zwischen 3 und 18, die an der lebensgefährlichen, chronischen und unheilbaren Krankheit leiden. Was die Kinder in den fünf Tagen anstellen, liest sich oberflächlich wie einfacher Ferienspaß. Doch einiges ist anders: Manchmal halten einige Kinder an, werden in den Finger gestochen und ihr Blutzucker wird gemessen.

Bei einem Fastfood-Ausflug kommen die Jugendlichen ins Rechnen. "Ich hätte nicht gedacht, dass da so viele Kohlenhydrate drin sind", erklärt Ann-Cathrin. Sie ist seit zehn Jahren Diabetikerin und kennt die Krankheit und ihre Folgen. "Wenn ich unterzuckert bin, werde ich aggressiv", berichtet sie. Bei Überzuckerung werde sie träge und schläfrig. Ein Abweichen in beide Richtungen sei äußerst gefährlich, erläutert Kathrin Kintzel, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Die 52 Jahre alte Medizinerin hat das Feriencamp initiiert.

Ann-Cathrin findet das Ferienlager gut. "Ich war schon in Kliniken in den Ferien, aber da war es langweilig. Das höchste Glück war dort eine Tischtennisplatte auf dem Hof, sonst nur Langeweile", erzählt sie. Der jüngste Teilnehmer der Ferienzeit ist der dreijährige Theo.

Vor zwei Jahren haben seine Eltern bei einem Strandurlaub Verdacht geschöpft, als ihr Sohn Trinkflaschen aus fremden Strandkörben nahm, weil er grenzenlos durstig war. Die Diag nose lautet Diabetes Typ I. Seitdem müssen seine Eltern mehrmals am Tag Insulin spritzen, seinen Blutzucker überwachen und besonders auf Kohlenhydrate achten.

Später können sich Eltern von dieser permanenten Verantwortung oft schwer trennen. "Weil sie Angst vor einer Unterzuckerung oder Stoffwechselentgleisung haben, die immer Lebensgefahr bedeutet. Aber auch vor den Folgeerkrankungen wie Blindheit, Nierenversagen oder Nervenschädigungen", erklärt Kintzel.

Wie Prof. Anette-Gabriele Ziegler, Vorstandsmitglied der DDG, erläutert, sind in Deutschland 15 000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren an Diabetes Typ I erkrankt. "Und die betroffenen Kinder werden immer jünger", sagt die Expertin. 2020 werden laut DDG-Prognose doppelt so viele Kinder unter fünf Jahren an der chronischen Krankheit leiden wie heute.

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