Bergsteiger aus Ahrenshagen : Domturm statt Alpengipfel

Falko Weise-Schmidt (l.) und Kollege  Frank Miske hoch über Greifswald  Fotos: stefan sauer
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Falko Weise-Schmidt (l.) und Kollege Frank Miske hoch über Greifswald Fotos: stefan sauer

Zwischen Himmel und Erde machen die Bergsteiger aus Ahrenshagen einen gefährlichen Job

Es ist nicht die Eiger-Nordwand in den Alpen, aber ein kleiner Fehler beim Sichern an der Spitze des knapp 100 Meter hohen Domturmes in Greifswald könnte ebenso tödliche Folgen haben. Die Autos und Spaziergänger unten in der Altstadt haben aus dieser Perspektive Ameisengröße.

Angst wäre den beiden Bergsteigern Falko Weise-Schmidt und seinem Kollegen Frank Miske ein falscher Begleiter. Ohne Gerüst und nur gehalten durch ein Führungs- und ein Sicherungsseil tasten sich die beiden Kletterer  der Alpintechnischen Dienstleistungen Ahrenshagen an der Außenwand der Turmspitze entlang. Zentimeter um Zentimeter wandern die beiden Männer in den Seilen um die obere Zwiebel der Turmspitze – auf der Suche nach Schäden an der Kupfereindeckung. „Man ist vorsichtig. Mit Angst hat das hier nichts zu tun“, sagt Falko Weise-Schmidt, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmet. Mit den Händen prüfen er und sein Kollege die Pfalzen und Klammern, die die gebogenen Kupferbleche  zusammenhalten.  Ruhig und konzentriert dokumentieren die beiden Männer mit der Kamera verdächtige Abschnitte.

Der Turm des Greifswalder Doms ist in seiner Statik gefährdet und soll von 2016 an für 2,3 Millionen Euro saniert werden. Teilweise bis zu 15 Meter lange Risse ziehen sich durch das Mauerwerk, erklärt Dombaukoordinator Stefan Scholz. „In einige Risse kann man die Hand hineinschieben.“ Deshalb sollen bis 2017 zwölf Zuganker eingezogen werden, die den Turm stabilisieren und so weitere Rissbildungen verhindern. Vor der Einrüstung des Turmes prüfen die Kletterer nun, ob auch die Spitze saniert werden muss.

Weise-Schmidt, Experte für gerüstlose Höhenarbeiten, hat die Welt schon häufig aus dieser abenteuerlichen Perspektive gesehen. In den vergangenen 22 Jahren stieg er Kirchendächern in ganz Norddeutschland aufs Dach, begutachtete Türme und Eindeckungen in Schwerin, Rostock, Lübeck, Kiel. Spezialisiert hat sich das Unternehmen nicht auf Industrieanlagen wie Windräder und Schornsteine, sondern auf denkmalgeschützte Bauten. Neben der Schwindelfreiheit ist dabei auch bauhistorischer Sachverstand gefragt.

Die Holzkonstruktion der Turmspitze in Greifswald stammt aus dem 17. Jahrhundert. Damals – nach einem zweiten Einsturz innerhalb von 30 Jahren – erhielt der Turm seine typisch barocke Doppelzwiebelspitze. Zudem beschlossen die damaligen Bauherren, die Höhe des Turmes von ehemals mehr als 110 Meter auf unter 100 Meter zu verringern. Der Turm misst seitdem 99,97 Meter. Nicht nur die enormen Windlasten machen den Turmspitzen von Kirchen zu schaffen, sondern auch die Temperaturschwankungen. Während die Südseite von der heißen Mittagssonne beschienen wird, liegt der Norden im Schatten. Das sorgt für Spannungen in den Kupfereindeckungen, wie Dombaukoordinator Scholz erläutert. Einer ersten Einschätzung zufolge hat die Turmspitze des Greifswalder Doms diese Spannungen bislang gut verkraftet. Ob auf die teure Einrüstung des Turmhelms verzichtet werden kann, soll aber erst nach Auswertung der Bilder entschieden werden. 

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