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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 10:35 Uhr

„Dörfer verschwinden“

vom

svz.de von
erstellt am 16.Dez.2011 | 12:50 Uhr

Der Demografiebericht der Bundesregierung geht davon aus, dass bis 2060 in Deutschland die Bevölkerung von jetzt rund 82 Millionen Menschen auf 65 Millionen schrumpfen wird. Besonders betroffen: Ostdeutschland. Während im Bundesschnitt ein Rückgang von 20 Prozent prognostiziert wird, ist im Fall des Flächenlandes Mecklenburg-Vorpommern von einem erheblichen Minus von 36 Prozent die Rede. Ganze Regionen drohen zu veröden. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Geschäftsführer der Niederlassung Dresden des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung München, hält die vorrangige Stärkung von Zentren für unausweichlich. Thomas Schwandt sprach mit dem 50-Jährigen, der sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Strukturwandel in Ostdeutschland beschäftigt.

Im demografischen Wandel eilt der Osten den alten Bundesländern voraus. Was kann der Westen daraus lernen?


Ragnitz: In Ostdeutschland schrumpft die Bevölkerung seit über 20 Jahren. Das wird in den nächsten Jahren in ähnlichen Größenordnungen auch im überwiegenden Teil Westdeutschlands passieren. Deshalb kann man hier im Osten Erfahrungen sammeln. Ich wende mich aber gegen Verbrämungen, die demografische Entwicklung nur als Chance zu sehen, den Osten als Vorreiter. Zugespitzt formuliert: Die größte Herausforderung der neuen Länder ist demografisch, aber noch ist nicht sicher, dass wir sie tatsächlich bewältigen.

Worauf gründet sich Ihre Skepsis?

In vielen Regionen wird die öffentliche Daseinsfürsorge nicht mehr abgesichert werden können. Für die Leute dort wird es schwer werden, das gewohnte Leistungsniveau bei der Gesundheitsversorgung, beim Zugang zu Bildungseinrichtungen, bei der Mobilität aufrecht zu erhalten. Darüber wird viel geredet, aber viel zu wenig getan – und häufig auch die Notwendigkeit einer Anpassung gänzlich abgestritten.

Bundesregierung und ostdeutsche Ministerpräsidenten haben hierzu ja kürzlich ein Papier vorgelegt. Welche Strategie leitet die Politik denn aus diesem Befund ab?

Echte Lösungen sind da leider noch nicht zu erkennen. Auf regionaler Ebene ist man da oftmals schon viel weiter. Aber es gibt noch ein anderes großes Problem, das massiv unterschätzt wird. Die demografische Entwicklung führt nämlich zu einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsdynamik. Mit einer alternden Bevölkerung wird es schwieriger werden, Produktivitätsfortschritte durchzusetzen, Fachkräfte werden fehlen, das „Humankapital“ geht zurück, da Qualifikationen veralten, und die Nachfrage sinkt mit rückläufiger Bevölkerungszahl auch. In vielen Regionen Ostdeutschlands muss man sich darauf einstellen, dass das Bruttoinlandsprodukt dann sogar sinkt.

Was hat die Wissenschaft für Vorschläge, um die Daseinsvorsorge in sich entleerenden Räumen zu sichern?

Es gibt viele Vorschläge, die aber häufig politisch brisant sind: Regionale Ausdünnung von staatlichen Leistungsangeboten, das heißt, dass solche Leistungen nur noch in zentralen Orten angeboten werden, aber nicht mehr flächendeckend. Oder es gibt wieder Zwergschulen mit jahrgangsübergreifendem Unterricht, Internatslösungen für ältere Schüler oder internetgestützte Lösungen. Bei der Energieversorgung, auch bei der Abwasserentsorgung könnte man dezentralisierte Angebotsformen entwickeln. Aber in einigen Regionen werden sich notwendige Leistungen nicht mehr finanzieren lassen.

Was dann?

Denkbar ist dann, dass man den Menschen Umzugsprämien zahlt, damit sie näher an die Zentren heranrücken. Oder den Einwohnern Entschädigungen dafür, dass sie auf öffentliche Leistungsangebote verzichten. Aus ökonomischer Sicht kann man das leichten Herzens empfehlen, aus ethischer Sicht gibt es da aber sicherlich Bedenken.

Sie halten solche Entwicklungen für unabwendbar?


Die Demografie ist eine recht zuverlässige Wissenschaft und ihre Voraussagen sind für Jahrzehnte nur mit einem kleinen Unsicherheitsfaktor belastet. Der Osten schrumpft insgesamt, es gibt einen Run auf die Zentren, eine Abwanderung aus der Peripherie. Auch Unternehmen werden sich dort nicht ansiedeln, weil die Arbeitskräfte fehlen. Wo keine Wirtschaft stattfindet, gehen die Leute weg. Ein Teufelskreis. Einige Regionen werden sich tatsächlich entleeren, Dörfer verschwinden. Für viele Menschen ist das allerdings ein befremdlicher Gedanke.

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