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MV zählt bisher nur drei Bioenergiedörfer : Dörfer verpassen Energiewende

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Das Land droht bei der Energiewende den Anschluss zu verlieren - Hier sind erst drei Bioenergiedörfer am Netz: Ivenack (Mecklenburgische Seenplatte), Hermannshof (Vorpommern-Rügen) und Neuhof (Ludwigslust-Parchim).

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erstellt am 27.Aug.2012 | 09:19 Uhr

Schwerin | Spannungsverlust in den Dörfern in MV: Die Energiewende in Deutschland droht an der Mehrheit der Einwohner der ländlichen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern vorbeizugehen. Der neue Energiekurs sei im Nordosten bislang zu sehr auf den Ausbau der Windkraft und der Stromnetze fixiert, kritisierte Berthold Meyer von der Akademie für Nachhaltige Entwicklung (ANE) in Güstrow: "Energiewende ist aber mehr als Offshore-Parks und Netzausbau." So müsse auf den Aufbau von Bioenergiedörfern mehr Augenmerk gelegt und die Kommunen dabei stärker unterstützt werden.

Trotz günstiger Voraussetzungen in MV hinkt der Nordosten im Bundesvergleich hinterher. Vor fast einem Jahr hatte die rot-schwarze Koalition vereinbart, den "erfolgreich begonnenen landesweiten Aufbau von Bioenergiedörfern systematisch fortzusetzen." Neue Modelle der wirtschaftlichen Teilhabe der Menschen an der Bio energieproduktion, versprach Energieminister Volker Schlotmann (SPD). Doch die Idee kommt in den Dörfern noch zu wenig an: Land, Städte und Gemeinden seien in MV "in der Theorie schon sehr weit", meinte Meyer. Nur bei der Umsetzung der Energiewende in den Dörfern lässt der Süden den Norden stehen. So sind in MV bislang gerade drei Bio energiedörfer am Netz - Ivenack (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte), Hermannshof (Landkreis Vorpommern-Rügen), Neuhof (Landkreis Ludwigslust-Parchim). In Bollewick (Mecklenburgische Seenplatte) sollen in diesem Winter erstmals die Einwohner im Ortskern mit Strom und Wärme aus eigener Erzeugung versorgt werden. Trotzdem rangiert MV im Ländervergleich auf den hinteren Rängen. Nur in Brandenburg und Sachsen sieht es noch schlechter aus, geht aus einer Analyse des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervor. Dagegen laufen Baden-Württemberg und Bayern den Agrarländern im Norden den Rang ab. Dort erzeugen bereits insgesamt 50 Dörfer Strom und Wärme selbst. Weitere 23 Orte sind auf dem Weg zum Bioenergiedorf, in MV sind es sieben.

Es könnten deutlich mehr sein: 135 Gemeinden hätten in MV inzwischen ernsthaftes Interesse bekundet, die Strom- und Wärmeversorgung im Ort selbst zu organisieren, ermittelte die Akademie für Nachhaltige Entwicklung. In 80 sei der Umstieg bereits beschlossene Sache. Es sollen noch mehr werden: Die Dörfer nehmen die Energiewende selbst in die Hand. Die Verwaltungsstrukturen reichten nicht aus, um die Gemeinden beim Umstieg auf die Energieversorgung vor Ort so begleiten zu können, wie es notwendig wäre, sagte Meyer. Die im Februar von 16 Dörfern gegründete Bioenergiedorfgenossenschaft mit inzwischen 23 Mitgliedern habe sich zum Ziel gesetzt, die Gemeinden auf dem Weg zum Bioenergiedorf zu begleiten, Potenzialanalysen zu erstellen, Finanzmodelle zu entwickeln und weitere Dienstleistungen für den Aufbau und den Betrieb der Energieversorgung vor Ort anzubieten.

Das dürfte sich lohnen - vor allem auch für die Verbraucher. Durch die zur Verfügung stehende Förderung sei die Umrüstung der Energieanlage für Hausbesitzer bezahlbarer als der Einbau eines neuen Heizkessels, meinte Meyer. Vor allem aber sorgt der Öko-Strom vom Dorfrand für Entspannung in der privaten Haushaltskasse. Bei der gegenwärtigen Förderung könnten die Energiepreise bei der Versorgung vor Ort bis zu einem Drittel niedriger ausfallen, langfristig zumindest aber nicht stärker steigen als die Inflationsrate, rechnete Meyer vor.

Noch wächst zwar der Unmut über die riesigen Mais-Anbauflächen rings um die Bio gasanlagen, vom Nutzen des Milliardengeschäft mit der grünen Energie profitieren aber andere. Dabei sei die Erzeugung erneuerbarer Energien für die unter Bevölkerungsverlust und mangelhafter Infrastruktur leidenden Dörfer "eine der letzten Chancen Wertschöpfung in die Orte zu holen", meinte Meyer. Etwa eine Million Euro würden jährlich in Dörfern mit 500 bis 600 Einwohner für Heizung und Strom bezahlt - bislang vorwiegend an die Energiekonzerne. Mit dem Aufbau der Bioenergiedörfer, die 100 Prozent des Stroms und mindestens 50 Prozent der Wärme selbst erzeugen, könnte "das Geld aber auch im Land blieben", meint Meyer. "Wer ertragen muss, muss auch Ertrag haben."

In Kooperation mit den örtlichen Agrarbetrieben könnte die Energiewende auf dem Land ein "kleines Wirtschaftswunder" auslösen, erklärte Meyer. So müssten je Energiedorf zwischen fünf und zehn Millionen Euro investiert werden. Auftragsboom auf dem Land: Allein in den 80 Dörfern in MV, die den Umstieg bereits beschlossen hätten, stünden Investitionen von landesweit 800 Millionen Euro an. Allerdings mache den Kommunen die Eigenkapitalschwäche zu schaffen, sagte Meyer und forderte vom Land mehr Finanzhilfe. Der Bedarf für alle anstehenden Investitionen im Land sei derzeit deutlich höher als der Landeshaushalt hergibt.

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