Kritik an Qualität im Ausbildungsbereich : „Dieser Beruf hat keine Lobby"

Das DRK kämpft für Erhalt von Pflege auf hohem Niveau mit gerechter Bezahlung: Kristin Lietz (M.) mit Patientin Herta Wolf und der Auszubildenden Anika Pade. Foto: Ilja Baatz
Das DRK kämpft für Erhalt von Pflege auf hohem Niveau mit gerechter Bezahlung: Kristin Lietz (M.) mit Patientin Herta Wolf und der Auszubildenden Anika Pade. Foto: Ilja Baatz

Die Teilnahme an Groß- und Regionaldemonstrationen ist auch für den DRK-Kreisverband Parchim e.V. ein Mittel, um seine tiefe Unzufriedenheit mit dem Schiedsspruch zur Vergütung häuslicher Krankenpflege auszudrücken.

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03. Juli 2012, 10:01 Uhr

linstow/lübz | Die Teilnahme an Groß- und Regionaldemonstrationen ist auch für den DRK-Kreisverband Parchim e.V. ein Mittel, um seine tiefe Unzufriedenheit mit dem im Juni gefallenen Schiedsspruch zur Vergütung häuslicher Krankenpflege auszudrücken. In Wismar und Anklam gab es bereits eine, weitere sind geplant.

Zwischen den Pflegediensten - in Mecklenburg-Vorpommern existieren gut 460 vom privaten bis zum großen Wohlfahrtsverband - und den ihre Leistungen vergütenden Krankenkassen gibt es Rahmenverträge, die ähnlich wie Löhne und Gehälter immer wieder neu verhandelt werden. Im jüngsten Fall auf Antrag der Krankenkassen 2009 begonnen, wurden die Gespräche nach mehreren Terminen letztlich für gescheitert erklärt. Daraufhin fällte ein Richter aus Hamburg Anfang Juni einen Schiedsspruch. Er legt eine neue, bis zum 31. Dezember 2013 geltende Vergütung fest, die ab dem 1. August greifen soll. Weil sich diese Entscheidung nach ihrer Meinung sehr nachteilig auf sie auswirkt, trafen sich unlängst Vertreter aller im Land tätigen Pflegedienste, um gemeinsam darüber zu beraten, wie es weitergehen soll. Zu den Teilnehmern gehörte auch Ursel Riemann, Fachbereichsleiterin für Soziales im DRK-Kreisverband Parchim e.V. "Alle sind sich völlig unabhängig vom Träger darin einig, dass der Schiedsspruch nicht akzeptabel ist und dass ihn keiner stillschweigend hinnehmen wird", sagt sie. "Aus rechtlichen Gründen dürfen wir uns dazu nicht bis ins Detail äußern, aber auf keinen Fall sollen Pflegebedürftige unter dem Widerstand leiden."

Ein Hauptkritikpunkt ist, dass die Bezahlung erbrachter Leistungen massiv zusammengestrichen werden solle. Bisher habe die Krankenkasse die beiden teuersten vergütet, ab August soll es bei jedem Patienten generell nur noch eine sein - unentscheidend, ob bei ihm zwei oder zehn Handlungen erforderlich sind. Mit einer sei es bei den gepflegten, meistens alten Menschen in der Regel nicht getan. "Skurril ist, dass ich für jede einzelne Leistung einen schriftlichen Auftrag vom Arzt benötige und darüber hinaus jede Kleinigkeit dokumentieren muss, obwohl nur das wenigste bezahlt wird", so Ursel Riemann. Zu rechnen sei darüber hinaus auch mit geringerer Erstattung von Fahrtkosten.

Wegen der sich manchmal schon in kurzer Zeit schnell verändernden Patientenstruktur lasse sich der Verlust an Einnahmen schlecht schätzen. Zu erwarten sei ein Wert von durchschnittlich neun bis 18 Prozent. "Ein Ziel der Krankenkassen ist, dass möglichst Pflegehilfskräfte einfachere Tätigkeiten erbringen sollen", sagt Ursel Riemann. "Sie besäßen eine nicht so hohe Qualifikation und müssten demzufolge nicht so hoch bezahlt werden. Dabei orientiere man sich an anderen Bundesländern, wo der in Mecklenburg-Vorpommern noch zu erwartende Pflegekräftemangel schon voll zugeschlagen habe. Dieser Argumentation kann ich überhaupt nicht folgen, weil Pflegehilfskräfte immer angeleitet und natürlich ebenso geschult werden. Ich kann sie doch nicht einfach losschicken! Der Aufwand wäre für uns eher höher." Im Bereich der drei DRK-Sozialstationen Lübz, Parchim und Sternberg betreuen 51 Pflegekräfte (davon eine Auszubildende) gegenwärtig 350 Patienten.

Ursel Riemann, selbst ausgebildete Krankenschwester, falle es immer schwerer, sich mit ihrem Beruf zu identifizieren. "Pflege hat in unserer Gesellschaft keine Lobby", sagt sie. "Dass man zum Beispiel Zugangsvoraussetzungen abschwächt, um Stellen besetzen zu können, ist ein negativer Trend. Wir befinden uns auf einem absteigenden Ast. In der oft durch Honorarkräfte erfolgten Ausbildung gibt es unter anderem kein Grundlagenstudium mehr, so dass diverse Kenntnisse heute oft erst danach erlernt werden müssen. Vor diesem Hintergrund wird mir bei der Vorstellung angst und bange, im Alter selbst einmal gepflegt werden zu müssen." Das DRK im Landkreis Parchim befinde sich noch in der guten Situation, in der Behandlungspflege nur Fachkräfte einsetzen zu können, weil im Personal alle Altersstufen vertreten sind. Rechtzeitige Planung stehe daher mit ganz oben, um diesen Vorteil zu halten.


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