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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 21:11 Uhr

Dieselklau im großen Stil?

vom

svz.de von
erstellt am 10.Okt.2012 | 08:29 Uhr

Schwerin | Die spektakuläre Serie von Busbränden bei Plau am See und Parchim hatte für Aufsehen im Land gesorgt. Innerhalb eines Jahres gingen bei fünf Bränden mehr als zwanzig Busse in Flammen auf. Dreimal davon im Familienbetrieb von Michael M. Der geriet bald selbst in Verdacht, die Brände gelegt oder in Auftrag gegeben zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren. Im Februar wurde der 40-Jährige gemeinsam mit einem 27 Jahre alten Mitarbeiter festgenommen. Seit September müssen sich beide Männer vor dem Schweriner Landgericht verantworten. Unter großem Interesse der Bevölkerung. Auch gestern, am zweiten Prozesstag, blieb kein Stuhl frei im Gerichtssaal.

Beide Männer werden an den Füßen gefesselt zur Anklagebank geführt. Da gehört, wenn es nach M.s prominenten Verteidiger Peter-Michael Diestel geht, eigentlich ein anderer hin - der wahre Feuerteufel. Sein Mandant habe nichts mit den Bränden zu tun, sagt der eloquente Rechtsanwalt, einst letzter Innenminister der DDR, in einer Pause. Es sei doch eher einer "Mecklenburger Eigentümlichkeit" zu verdanken, dass M. überhaupt als vermeintlicher Brandstifter hinter Gitter kam. "Es musste schnell ein Ergebnis auf den Tisch", zweifelt er kampfeslustig die "zusammengezimmerte" Anklage an.

Im Prozess muss er gestern erst mal mit anhören, wie sein Mandant von einem 21-jährigen Zeugen in einer Sache beschuldigt wird, die gar nicht angeklagt ist: Dieselklau. M. habe ihn zum Diebstahl im großen Stil angestiftet, behauptet der junge Mann. Und belastet sich - offenbar in der Hoffnung, dann glimpflich davonzukommen - freimütig selbst: Er habe den Auftrag mit einem Kumpel auch ausgeführt. Der in Aussicht gestellte "Lohn" habe ihn gereizt: 2000 Euro monatlich und ein eigenes Auto. Tatsächlich seien aber nur 500 Euro in seiner Tasche gelandet. Mindestens fünfmal habe er sich mit dem geklauten Sprit gemeinsam mit dem Mittäter auf den Weg nach Dortmund gemacht, sagte der 21-Jährige. Mit einem Transporter des Unternehmens, den er für die Diebestouren extra umgebaut und mit einem 1 000-Liter-Tank ausgestattet hat. Von der Stadt im Ruhrgebiet aus fuhren Reisebusse der Mecklenburger Firma regelmäßig nach London. Ein Großauftrag - womöglich zu groß für das kleine Familienunternehmen. Der Betrieb war finanziell schwer angeschlagen, wie Michael M. selbst einräumte. Zu Prozessbeginn im September hatte er den zweiten Teil der Anklage weitgehend gestanden: die Steuerhinterziehung im sechsstelligen Bereich. Zu den Bränden will er im Laufe des Prozesses selbst Angaben machen.

Ein ehemaliger Fahrer aus der Firma sagte gestern, dass es unter den Mitarbeitern durchaus Gerüchte gab, ob M. nicht selbst etwas mit den Bränden zu tun habe. Einmal habe er einen nagelneuen Bus mit nach Hause nehmen wollen, um das Fahrzeug für die Tour am Morgen gleich vor der Haustür zu haben, erinnert sich der Zeuge. Doch dann kam kurzfristig die Anordnung, einen anderen Bus zu nehmen und den neuen unbedingt auf dem Firmengelände zu lassen. Der sollte angeblich dringend in die Werkstatt. "Aber der war nicht kaputt. Das hätte ich gemerkt", sagt der Fahrer. In der Nacht schlug der Feuerteufel das erste Mal zu. Von dem neuen Bus blieb nicht viel übrig. Der Prozess geht morgen weiter.

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