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Bishof besucht Gefängnis Neustrelitz : Die zweite Chance

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bischof würdigt Arbeit der Angestellten im einzigen Jugendgefängnis im Nordosten

svz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Der Bischof der evangelisch-lutherischen Nordkirche, Gerhard Ulrich, hat die Arbeit der Angestellten im Jugendgefängnis Neustrelitz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) gewürdigt. Hier versuche man alles, um die Gefangenen auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten, sagte der Bischof gestern bei einem Besuch in der einzigen Jugendanstalt im Nordosten.

Besonders beeindruckt zeigte sich Ulrich von der Arbeit der Sucht- und Sozialtherapeuten. Häftlinge absolvierten unter seinen Augen eine Therapiestunde unter dem Motto „Von der Kunst, Nein zu sagen“. Dabei geht es darum, dass Straftäter mit Alkoholproblemen trainieren, wie sie nach der Entlassung Alkohol meiden und sich von ehemaligen „Kumpels“ nicht wieder zum Trinken verführen lassen.

Unter Leitung von Suchttherapeutin Katja Lehmann versuchten ein Häftling und ein Therapeut an einem Tisch, einen Mithäftling zum Trinken zu verführen. „Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen, lass uns einen trinken“, forderten sie den jungen Mann auf – und stellten leere Bierflaschen auf den Tisch. „Ich habe erkannt, dass ich mit Alkohol Probleme kriege und will meinen Sohn wieder regelmäßig sehen“, erklärte er. Je länger das Gespräch aber dauerte, desto größer wurde sein Druck. „Wie haben die Dich denn umgekrempelt?“, wurde er gefragt. Bis Lehmann die Szene schließlich abbrach.

„Ich habe mich unwohl gefühlt und habe noch schweißnasse Hände“, gab der Geprüfte danach zu. „Solche Rollenspiele bringen deutlich mehr als pure Worte“, erklärte die Therapeutin. Manchmal brauche man aber mehr Zeit dafür. Mitunter könne man bei Suchtbetroffenen auch ein fast automatisches Zugreifen beobachten. „Es war beeindruckend. Man muss erst lernen, nicht nur stark im Zugreifen, sondern auch stark beim Ablehnen zu sein“, sagte der Bischof.

Ulrich unterstützte zudem ein Modell aus der Schweiz, bei dem die Strafe zum Beispiel an den erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung gekoppelt ist. „Mit solchem Maßnahmevollzug hat man dort gute Erfahrungen gemacht“, sagte Anstaltssprecher und Therapieleiter Steffen Bischof. „Damit wäre der Verurteilte wieder Subjekt eines Prozesses“, ergänzte Ulrich. Anstaltsleiter Bernd Eggert erklärte, dass „jeder die Chance auf eine zweite Chance verdient“ habe. In diesem Sinne solle die Arbeit in der Jugendanstalt eher „ein Chancenvollzug sein“.

Die Jugendanstalt hat 297 Haftplätze, davon sind derzeit rund 150 belegt. Die Mitarbeiter sehen sich eher als Betreuer denn als „Wärter“. Häftlinge sind einzeln untergebracht und können Ausbildungen machen – im Metallbau, als Tierpfleger, Maler oder Koch. Es gibt Haupt- und Realschulkurse sowie Arbeitsmöglichkeiten in einer Küche, Wäscherei, Werkstatt oder der Tierzucht.

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