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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 12:09 Uhr

25 Jahre Mauerfall : Die Zwei aus dem Trabi

vom

Das Bild der jungen Frauen aus Schwerin ging im Wendeherbst durch die Medien – auch heute erinnern sie sich noch gern an den ersten Ausflug gen Westen

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erstellt am 22.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Es ist der Abend  des 11. November 1989. Wie viele andere DDR-Bürger haben sich auch vier junge Frauen aus Schwerin an diesem  Sonnabend in ihren Trabi gesetzt und sind – zwei Tage nach dem Mauerfall – zum ersten Mal gen Westen gestartet. Bei ihrer Rückkehr hält an der innerdeutschen Grenze ein Reporter ein Mikrofon in den Wagen, fragt nach den Eindrücken.  Ein Fotograf hält die fröhliche Fuhre im Bild fest.

Jetzt, 25 Jahre später, wird auf der Suche nach Zeitzeugnissen eben dieses Bild aus unserem Archiv gezogen. Nach der Veröffentlichung meldet sich Kerstin Steguhn aus Pinnow bei uns: „Die Frau auf dem Beifahrersitz, das bin ich.“ Zusammen mit  ihrer Freundin Karin Blohm (53), der Frau am Steuer, erinnert sich Kerstin Steguhn (55), die damals noch Reese hieß, an den Wendeherbst.

Schokoladentafeln  unter  Scheibenwischer

Für Karin Blohm war der 9. November 1989 ein Tag, auf den sie sich schon lange gefreut hatte: „Am 9. November machten wir einen Betriebsausflug nach Berlin in den Friedrichstadtpalast. Als es wieder nach Hause gehen sollte, waren wir schon ganz schön angeschickert und redeten deshalb auf den Busfahrer ein, er sollte doch noch eine Stadtrundfahrt mit uns machen – und auf jeden Fall auch über den Ku’damm fahren. Keiner ahnte, dass das an dem Abend tatsächlich möglich gewesen wäre.“

Am nächsten Morgen hätten wegen des Ausflugs alle später zur Arbeit kommen dürfen –  „aber ich saß dann ganz allein da“, erinnert sich Karin Blohm. „Alle anderen hatten sich gleich bei der Polizei angestellt, um sich den Stempel zu holen, den man brauchte, um nach drüben zu fahren.“ 

Auch Karin Blohm und ihre Freundin besorgten sich noch am selben Tag diese  Stempel. Ich  war  damals  mit meiner großen Tochter im Babyjahr und hatte also Zeit“, erinnert sich Kerstin Steguhn. Für den ersten Ausflug in den Westen ließ sie die Kleine aber bei  ihrer  Mutter. Dafür nahm Karin Blohm ihre 17-Jährige Nichte mit, und eine Kollegin schloss sich auch noch an. „Damals  hatte ja längst nicht jeder ein Auto, ohne Karin wäre ich auch nicht so schnell rübergekommen“, meint  Kerstin  Steguhn.

Fahrziel an jenem Sonnabend war Ratzeburg. „Das war eine ganz tolle Stimmung dort, die Leute standen an den Straßenrändern, jubelten uns zu oder schenkten Kaffee aus“, weiß Kerstin Steguhn noch. Unbekannte hätten ihnen Schokoladentafeln unter die Scheibenwischer geklemmt –  als nette Geste des Willkommens.

Sie hätten sich damals den Dom angesehen, das Stadtzentrum - und sich natürlich auch ihr Begrüßungsgeld abgeholt. „Wir hatten einen Busfahrer nach der nächstgelegenen Bank gefragt“, erinnert sich Karin Blohm.  „Als wir von dort zurückkamen, war er immer noch da und schlug uns vor, ihm nach Lübeck zu folgen.“ Der Mann habe sie dann sogar zu sich und seiner Partnerin nach Hause und zum Essen eingeladen, glaubt eine der Freundinnen sich zu erinnern – sicher sind sich beide nicht mehr.

Bananen und  Deo  vom  ersten  Geld  im  Westen

Auf die  Frage, wofür sie im Westen ihr erstes  Geld ausgegeben hätte, kann Kerstin Steguhn dagegen noch ganz genau antworten:  „Ich hab zwei  Bananen für meine Tochter gekauft und ein Deo für mich.“ – Mehr nicht? Mehr nicht. Ihre Oma hätte im Westen gelebt, erst in Frankfurt am Main, später in  Lübeck, und jährlich hätte sie, beladen  mit  Geschenken, die Tochter  und deren  Familie in  Schwerin besucht. „Und zwischendurch hat  sie, so oft sie es sich leisten konnte, Pakete geschickt“, erzählt Kerstin Steguhn.

„Deshalb waren viele der  Dinge, über die andere nach der Maueröffnung so sehr gestaunt  haben, für mich nicht mehr neu.“  Ihre Töchter, die eine unmittelbar vor, die andere erst ein Jahrzehnt nach der Wende geboren, hätten es aber schon komisch gefunden, als sie ihnen erzählte, dass sie ihre  Oma nie in deren Wohnung besucht hätte. Denn die alte Dame starb noch vor dem Mauerfall – die  Urnenbeisetzung in Schwerin ließ sich  die DDR übrigens von der Tochter der Verstorbenen in  Devisen bezahlen, erzählt  Kerstin  Steguhn.

Von ihrer ersten Tour nach Ratzeburg und Lübeck an jenem 11. November 1989 hat sie auch einige peinliche Momente in Erinnerung:  „Dass man die Bananen selbst abwiegen musste, bevor man zur Kasse ging, wusste ich einfach nicht.“  Das sei so ähnlich gewesen wie mit der Frage nach dem Salatdressing, über die viele ehemalige DDR-Bürger bei ihren ersten Besuchen  „drüben“ gestolpert seien, weil sie so etwas einfach  nicht  kannten.   Ein Bekannter hätte in einem schicken Hamburger  Restaurant auf die Frage „French, american oder italian?“ voller Verzweiflung  geantwortet:  „Danke, ich esse meinen Salat immer ohne“, erinnert sich Karin Blohm –  und muss  sich das Lachen  verkneifen.

Das klappt endgültig nicht mehr, als sich die beiden Freundinnen an ihren Abstecher in eine Videothek bei  jenem ersten Besuch in Ratzeburg erinnern: „Wir waren einfach neugierig, so etwas gab es bei uns ja nicht. Als wir uns gerade staunend all die Filme ansahen, erklang plötzlich aus dem Nebenraum ein  lauter Schrei“, erzählt Kerstin Steguhn. „Es war Karins Nichte, die in der Abteilung mit den Pornos gelandet war und gar nicht fassen konnte, was sie da sah.“ „Oh Gott, ja, so war das“, stimmt Karin Blohm zu.

Die Liebe  zum Reisen  ist  beiden   geblieben

Viele „Weißt-du-noch“ kommen zusammen, wenn sich die beiden Freundinnen über die Wendezeit unterhalten. Kennengelernt hatten sie sich ein paar Jahre zuvor auf einer  Jugendtourist-Reise. Beide hatten Erzieherin gelernt, beide sich aber beruflich später anderweitig versucht – Karin Blohm in der Konzert-  und Gastspieldirektion, Kerstin Steguhn in der Gastronomie. Beide liebten – und lieben – das Reisen. „Auch nach der Wende haben wir  zusammen ganz viel gesehen“, sagt Karin Blohm. Sie selbst hat das Reisen sogar zum Beruf gemacht, ist seit inzwischen mehr als 20 Jahren Inhaberin zweier Reisebüros in Crivitz und  Sternberg. Kerstin Steguhn kehrte in ihren erlernten Beruf zurück, qualifizierte sich zur Heilerzieherin, heiratete in den 90er Jahren und zog aus Schwerin aufs Dorf. Dort, in Pinnow, arbeitet sie bis heute in der Kita. Doch die Freundschaft der Frauen überdauerte alle persönlichen Veränderungen. 

Die Wende und alles, was danach kam, habe sie als  „total  positiv“ empfunden, betont Kerstin Steguhn.  „Das  Einzige, was ich  mir anders gewünscht hätte, wäre, das  DDR-Bildungssystem zu übernehmen – natürlich ohne die Politik.  Aber ich fand es besser, dass  überall  das Gleiche  gelehrt  wurde.“

Karin Blohm  ist etwas zurückhaltender bei der Einschätzung der letzten 25  Jahre.  „Alles hat Vor- und  Nachteile…“, sagt die Geschäftsfrau diplomatisch. Natürlich sei es ihr erst durch die Wende möglich geworden, ins Reisebürogeschäft umzusteigen. Und  ja, erst durch den Mauerfall   könne man nun unbegrenzt reisen – das möchte sie auch auf  keinen  Fall  missen.  „Ich  erlebe aber auch immer wieder Menschen, die gerne reisen möchten, denen aber das Geld dafür fehlt…“

 

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