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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 01:14 Uhr

Die Zeit danach: Mein Leben als Rentner

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erstellt am 01.Nov.2013 | 07:16 Uhr

Schwerin | Als Hartmut Kolb im Jahr 2005 mit 64 Jahren aus dem Dienst als Sportlehrer und Ausbilder für Referendare ausschied, fiel ihm das äußerst schwer. Keine Aufgabe haben, in den Tag hineinleben - nichts für den Gadebuscher. Kolb brauchte eine Alternative, für den Beruf, den er sein Leben lang mit "Freude und Herzblut" ausgeübt hatte - und fand sie: In der Wittenburger Skihalle. Als Skilehrer gibt Kolb dort bereits seit mehreren Jahren sein Wissen weiter, insbesondere in Weiterbildungen für Lehrer. "Das ist das schöne an der Rente: Man kann sich einbringen, kommt unter Leute und nimmt weiter am Leben teil", sagt der 72-Jährige. An Ruhestand denkt der Rentner noch lange nicht. "Man braucht doch Ziele. Und es ist wichtig, die Erfahrungen, die man im Lauf des Lebens sammeln konnte, weiterzugeben."

"Ich habe nicht geahnt, wie knapp es wird"

Als Regina Müller (Name von der Redaktion geändert) 2010 mit 57 Jahren Rentnerin wurde, ahnte sie nicht, wie mühsam das Leben mit 528 Euro Erwerbsminderungsrente werden würde. Hinter ihr lagen 20 Jahre Berufstätigkeit als Krippenerzieherin und 17 Jahre Arbeitslosigkeit. Wegen hoher Fehlzeiten aufgrund einer chronischen Erkrankung habe sie Anfang der 1990er-Jahre ihren Job verloren. Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen habe sie es immer wieder versucht, habe arbeiten wollen, Schulungen besucht - bis es nicht mehr ging. "Ich konnte nicht mehr und habe dann einen Rentenantrag gestellt, der innerhalb von zwei Monaten bewilligt wurde", erzählt die 59-Jährige. Sie habe geahnt, sagt sie, dass die Rente knapp ausfallen würde. Sie habe nicht geahnt, wie knapp: Mit ihren monatlichen 528 Euro bezahlt sie 328 Euro Miete für knapp 50 Quadratmeter im Plattenbau in einer mecklenburgischen Kleinstadt, GEZ, Telefon und Versicherungen.

Die Kosten für ihr kleines Auto, auf das sie für Arztbesuche angewiesen ist, zahlen Familienmitglieder. Sie springen auch ein, wenn neue Kleidung notwendig ist. Alle 14 Tage fährt Müller zur Tafel in einer benachbarten Stadt, bekommt hier Lebensmittel, die sie über die Woche bringen. "Ich fahre extra ein Stück, damit mich keiner kennt." Die Scham sei einfach zu groß, deshalb will sie ihren Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Ohne die Tafel, sagt Müller, wäre es noch einmal eine Ecke knapper mit dem Geld.

Ihre Nachbarin, die einen kleinen Garten hat, versorgt sie mit Äpfeln und Möhren. Anspruch auf Grundsicherung hat Regina Müller trotz ihrer finanziellen Lage nicht: Grund ist eine Lebensversicherung, in die die Mecklenburgerin seit rund 20 Jahren einzahlt und deren Beiträge sie sich bis heute von der Rente abknapst. "Ich habe diese Lebensversicherung mit 30 000 Mark abgeschlossen und gehe davon aus, dass ich etwa 12 000 Euro ausgezahlt bekomme."

Allerdings: Die Lebensversicherung läuft noch sechs Jahre. "Wenn ich jetzt kündigen würde, bekäme ich fast nichts", sagt Müller. Deshalb halte sie daran fest. Diese Lebensversicherung, fügt die Mecklenburgerin hinzu, sei alles, was sie jemals an privater Altersvorsorge getroffen habe. "Auf der einen Seite habe ich sehr wenig verdient, da hätte ich nicht mehr beiseite legen können", sagt sie. Auf der anderen Seite habe sie sich aber auch nie mit Altersvorsorge beschäftigt. "Ich war da blauäugig, habe gedacht, dass schon alles gut wird. Natürlich wünsche ich mir heute, ich hätte mir mehr Gedanken darüber gemacht, aber ich will auch nicht verzweifeln. Ich bin alleine für meine Situation verantwortlich, dafür kann ich niemand anderem die Schuld geben."

Sie mache, sagt Müller, das Beste aus der Situation: Musik sei ihre Leidenschaft und zu Hause Gitarre zu spielen koste nichts. Zudem gebe ihr eine Bekannte kostenlos Unterricht in Englisch. "Doch man merkt, wie einsam es macht, wenn man kein Geld hat."

"Ich fühle mich nicht wie ein Rentner"

Als Jürgen Mundt am 1. September 2008 in Rente ging, war es der Beginn eines lang geplanten Lebensabschnitts. "Man hatte ja genug Zeit, sich darauf vorzubereiten", sagt Mundt und lacht. An seinem 65. Geburtstag hatte er seinen Ausstand in seiner Abteilung gegeben, drei Tage später war er offiziell Rentner. 18 Jahre hatte er bis dahin bei der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin gearbeitet, die Abteilung Berufsbildung, deren Leiter er war, mit aufgebaut. Nach einer Ausbildung als Bankkaufmann, einem Studium zum Diplom-Lehrer und mehreren Jahren als Lehrer an einer kaufmännischen Berufsschule, hatte sich der Cramonshagener nach der Wende noch einmal umorientiert und sich bei der IHK beworben. Mundt weiß das Glück zu schätzen, ein Leben lang eine Arbeit gehabt zu haben, die ihn voll ausgefüllt hat. "Die ersten Wochen, in denen man morgens nicht mehr früh aufstehen musste, waren schon komisch", sagt Mundt. Und so blieb es nicht lange beim Ruhestand: Als die Industrie- und Handelskammern und das Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommerns im Jahr 2009 ihre Fachkräftekampagne startete, stieg Jürgen Mundt mit ein. Seitdem besucht er im Rahmen der Initiative "Durchstarten in MV" Schulen, um mit Jugendlichen über Ausbildung, Beruf und Zukunft zu sprechen. Die nächsten 14 Tage sind voll ausgebucht. "Es geht mir darum, Erfahrungen weiterzugeben und jungen Leuten Karrierechancen in unserem Bundesland aufzuzeigen, weil wir sie hier dringend brauchen." Es geht um einen kleinen Nebenverdienst in der Rente. Und es geht vor allem darum, aktiv zu bleiben. "Wenn man immer aktiv war, bleibt man das auch in der Rente", ist Mundt überzeugt. Überhaupt, als Rentner fühle er sich ohnehin nicht so richtig. "Gestern erst hat mein Enkel zu mir gesagt, ich sei doch gar kein richtiger Rentner", sagt Mundt. Sein Terminkalender ist voll: Neben den Terminen in Schulen spielt er seit über 40 Jahren Tischtennis, engagiert sich in seinem Dorf und in Vereinen, liebt Kultur und Reisen.

Und obwohl er immer wirtschaftlich interessiert war - mit seiner eigenen Rente hat sich Jürgen Mundt nie wirklich befasst. "Meine Frau und ich haben ganz normal bei der Rentenversicherung eingezahlt. Über die jährliche Renteninformation wussten wir immer, was wir als Rentner kriegen." Für ihre private Altersvorsorge bauten die Eheleute vor zwanzig Jahren ein Haus. "Und wenn mal etwas Geld übrig war, haben wir das gespart." Jürgen Mundt weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles so rund läuft. "Gerade junge Menschen, die ja nicht einmal wissen, wer in Zukunft für ihre Rente aufkommt, sind mit Sicherheit gut beraten, frühzeitig etwas für später zurückzulegen. Jeder ist ja für sich selbst verantwortlich.

Serie: Sicher in die Zukunft

1. Drei Rentner – Drei Geschichten vom Ruhestand
2. „Die Rente ist sicher, aber sichert nicht mehr den Lebens-
  standard“ - Im Gespräch mit einem Wirtschaftsforscher
 3. Die jährliche Renteninformation verstehen
 4. So funktioniert die gesetzliche Rente
 5. Lesertelefon Extra: Ihre Fragen zur gesetzlichen Rente
 6. Die Rente mit 67
 7. Das ändert sich bei Steuer und Krankenversicherung
 8. Als Selbstständiger für das Alter vorsorgen
 9. Private Vorsorge mit Hilfe vom Staat
10. Geld anlegen: sicher oder ertragreich?
11. Steuern rund um den Erdball – Wenn ich als Rentner
   im Ausland leben will
12. Das eigene Haus als Altersvorsorge

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