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Mecklenburg-Vorpommern

14. Dezember 2017 | 18:03 Uhr

Die Würde des Amtes

vom

svz.de von
erstellt am 08.Aug.2013 | 10:04 Uhr

Die Strafanzeige liest sich wie eine Räuberpistole. Die Gegenanzeige von Till Backhaus geradezu Mitleid erregend. Unstrittig ist: Der längstgediente Agrarminister der Republik geriet am Wochenende als Fahrradausflügler an der Ostsee in eine Auseinandersetzung mit einem aus Nordrhein-Westfalen stammenden Autofahrer. Wessen Handeln dabei Henne und welches Ei war, steht nicht fest. Die Darstellungen stehen sich diametral gegenüber: Hier das Bild eines aus gekränkter Eitelkeit ausrastenden Mannes, der einem harmlosen Senior die Faust ins Gesicht rammt - dort ein provokanter Cabrio-Lenker, der einen aufgebrachten Familienvater rammt und erheblich verletzt. Die Wahrheit muss kriminalistisch und juristisch geklärt werden. Solange gilt die Unschuldsvermutung - beiderseits! Jenseits dessen gibt es indes eine, sagen wir, sittlich-moralische Frage: Welches Verhalten ist von einem Inhaber öffentlicher Ämter zu erwarten?

Die politischen Verdienste des Ministers sind unbestritten. Sein unkonventionelles Verhalten ist legendär. Hier geht es aber nicht um am amüsante politische Grenzverletzungen, die „höheren Zielen“ dienen, wie einst seine Eier-Verteil-Aktion im Landtag, die ihm den Beinamen „geflügelpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion“ eintrug. Vielmehr geht es um persönliches Verhalten in einer Extremsituation. Selbst wenn der „Affekt“ manch’ Verhalten juristisch abmildern mag, so fragt sich, ob der Politiker wie der Jung-Vater Backhaus sich nicht jederzeit so im Griff haben müsste, dass er seine Instinkte beherrscht.

Der deutsche Großdichter Friedrich Schiller formulierte im Geiste der Aufklärung: „Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung. ... Der höchste Grad der Anmut ist das Bezaubernde, der höchste Grad der Würde ist Majestät.“
Mäjestätisch jedenfalls hat sich Backhaus schwerlich verhalten. Selbst wenn seine Version zuträfe, hätte er mit seinem vielleicht ritterlich gemeinten Einsatz seiner Familie einen schlechten Dienst erwiesen. Dem (Tourismus-) Land MV jedoch einen Bärendienst. Die Kunde vom Ausraster gegen einen Gast macht dank „Promi-Anwalt“ Peter Michael Diestel nachhaltig die Runde. Deshalb ist der Vorgang entgegen aller Beschwichtigungen beileibe keine Privatsache. Die Würde des Amtes entspringt einem Werteverständnis, das auch für noch so lang gediente und beliebte Politiker gilt. Beim Christen und Bibelfan Backhaus müsste man zumal erwarten, dass er jederzeit eher die andere Wange hinhält als - nur im übertragenen Sinne! - auf jene eines Gegners einzuschlagen.
Backhaus wurde mancher berufliche wie private Fehltritt verziehen. Auch diesmal werden genügend Anhänger dem volkstümlichen Rauhbein gar applaudieren. Doch wenn sich nicht einmal Politiker an Regeln zivilisierten Zusammenlebens halten - wem will man es sonst abverlangen?! Jedoch wird - vorausgesetzt, er hat nicht wirklich zugeschlagen - nichts passieren. Ein Kabinett, das ohnehin gerade von juristischen Auseinandersetzungen gebeutelt wird, dürfte froh sein, wenn sich die Affäre aussitzen lässt. Souverän, gar würdevoll ist das freilich nicht.

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