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Prozess Massenkarambolage auf A19 : „Die Wolke war zu sehen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gutachten im Sandsturmprozess zur Massenkarambolage auf der A 19 entkräftet Aussage der Angeklagten

Die verhängnisvolle Sandwolke, die im April 2011 zu einer Massenkarambolage auf der Autobahn A 19 führte, war mehrere Hundert Meter vorher zu erkennen. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten, das drei Unfallsachverständige gestern vor dem Amtsgericht Rostock vorstellten. Sie widersprachen damit der Aussage der Angeklagten. Die Pflegedienstleiterin aus Eisenhüttenstadt hatte zu Beginn des Prozesses gesagt: „Die Wand war von jetzt auf gleich da.“ Der Staub habe urplötzlich an ihrer Windschutzscheibe geklebt.

Die 54-Jährige soll nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Sandwolke auf ein vorausfahrendes Auto aufgefahren und damit den Tod der beiden Insassen verursacht haben. In die Massenkarambolage waren mehr als 80 Fahrzeuge verwickelt. Acht Menschen starben, zahllose Wagen gingen in Flammen auf.

Allerdings mussten die Experten einräumen, dass sie bislang nichts von einem Video wussten, das die Polizei von der Unfallstelle vom Hubschrauber aus gedreht hat. Der Verteidiger der Angeklagten machte die Staatsanwaltschaft dafür verantwortlich. Sie hätte die Aufnahmen den Gutachtern geben müssen. Die Staatsanwältin hingegen behauptete, dies wäre Aufgabe der Polizei gewesen. Den Tränen nahe machte sich die Angeklagte Luft: „Ich unterstelle der Staatsanwaltschaft langsam Böswilligkeit.“ Ihrer Meinung nach könnte das Polizei-Video das Gutachten entkräften und sie entlasten.

Die Gutachter haben Fotos und Zeugenaussagen ausgewertet und sie sind die Strecke bis zur Unfallstelle noch einmal abgefahren. Der starke Wind wehte am 8. April 2011 „permanent“, so die Experten. Er wurde nicht wie mit einem Schalter angestellt, und erzeugte die Sandwolke keineswegs „wie aus dem Nichts“. Ständig wurde Sand vom Feld abgetragen, und an bestimmten windreichen Stellen über die Autobahn geblasen. Auch die Angeklagte, so die Sachverständigen, hätte die Sandwolke rechtzeitig sehen können. Möglicherweise ist sie bereits vorher durch andere Sandwolken gefahren - und hätte gewarnt sein können. Die Gutachter verwiesen auf eine Reihe von Zeugen, die die Sand-Wand vorher gesehen haben. Es waren in der Regel Autofahrer, die danach keinen Auffahrunfall verursachten.

Gleichwohl lässt sich nach Ansicht der Gutachter von außen nicht sagen, wie dicht die Sandwolke im Inneren ist. Wer einmal in ihr steckt, dem könne es wirklich so vorkommen, als wenn ihm plötzlich eine Decke über den Kopf gezogen wird. Der Prozess wird Mitte Mai fortgesetzt. Bis dahin sollen die Gutachter das Hubschrauber-Video auswerten.

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