Die Wiedergeburt des Blockwarts

Strenge Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Krise wecken die Gelüste der Denunzianten – ein Essay

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06. April 2020, 12:00 Uhr

In Krisenzeiten erkennt man in manchem Mitmenschen erst den wahren Charakter. Ausnahmesituationen führen offenbar dazu, dass so mancher Zeitgenosse nicht mehr rational handelt, sondern seinen Instinkten folgt. Und bei einigen sind das tatsächlich die niedersten Instinkte.

So erleben gerade einige Rostocker Innenstadtbewohner, dass in ihren Nebenstraßen des nächtens mit regelmäßiger Boshaftigkeit Reifen von Autos zerstochen werden, die ein „auswärtiges“ Kennzeichen tragen. Jetzt könnte man einwenden: Derlei Vandalismus gibt’s doch zu allen Zeiten – sei froh, dass sie es dir nicht abgefackelt haben.

So berichtete unlängst auch der Tagesspiegel in Berlin davon, dass vermeintliche „Kümmerer“ leicht zu Tyrannen würden, aufmerksame Mitbewohner sähen andere als „Treppenterrier“. Und so berichten denn auch zahllose Kollegen von zahllosen Begebenheiten, wie etwa harmlos daher schlurfende Mitmenschen plötzlich zur Furie werden, wenn man ihnen mit zwei statt des erlaubten einen Begleiters im Park begegnet. Oder wenn man in der Supermarktschlange unbedacht zu weit auf den Vordermann aufgerückt ist.

Also: Die Reifenstecher von Rostock-Mitte sind nicht die gewöhnlichen Vandalen. Nein, hier kann man einen ziemlich unmittelbaren Zusammenhang herstellen zwischen der Ausrufung von gestrengen Ordnungsmaßnahmen des Landes im Zuge der Corona-Pandemie.

Vulgo: Die freundliche, aber bestimmte Ausweisung aller Touristen aus dem Urlaubsland MecPom veranlasste offenkundig so manchen Nachbarn, seine Nachbarn „zu erziehen“, indem man das Messer zückt.

Aber um Logik geht’s solchen „achtsamen Nachbarn“ ja nicht. Sondern vielmehr dürfte zweierlei dahinter stecken: Zum einen eine Selbstermächtigung von Biedermännern, in deren DNA nicht das Corona-Virus, vielmehr das Obrigkeitshörigkeit-Gen fest verankert ist. Wenn Vadder Staat anordnet, dass alles, was nicht mecklenburg-vorpommerscher Ureinwohner ist, das Land zu verlassen habe, dann bedarf es halt des aufmerksamen Blockwarts, der den Widerspenstigen Feuer unterm Hintern macht. Oder eben die Luft aus dem Reifen lässt.

Andererseits könnte das Wiederaufleben dieser Spezies 30 Jahre nach Abschaffung des Abschnittsbevollmächtigten (DDR) respektive des „Kontaktbereichsbeamten“ (BRD) auch schlicht so erklärbar sein, dass in einem Teil unserer Mitmenschen eine latente Fremdenfeindlichkeit tief angelegt ist. Denn auch Anfang der 1990-er Jahre war es etwa in Schwerin, wo es in der neu erstehenden Landeshauptstadt viele „Fremdarbeiter“ aus Berlin oder Hamburg, Kiel oder Wuppertal gab, die in leere Plattenbauwohnungen auf dem Dreesch eingezogen waren, durchaus Usus, dass deren Autos morgens platte Reifen hatten. Oder absichtsvoll mit spitzen Gegenständen gezogene Riefen im mühsam aufpolierten Lack des Westautos.

Andererseits gab es zu allen Zeiten in Wellen Ansätze, die überlasteten Ordnungsbehörden durch freiwillige Helfer zu verstärken. Auch demokratische Politiker wie etwa Mecklenburg-Vorpommerns zweiter Ministerpräsident Berndt Seite (CDU) dachten schon mal laut über „Hilfspolizisten“ nach. Zu DDR-Zeiten gab es die „freiwilligen Helfer der Volkspolizei“ – Erkennungszeichen: rote Armbinde. Und schließlich ward der Blockwart ja seinerzeit erfunden als unterste Hierarchiestufe der NSDAP-Organisation. Seinen Aufgabenbereich beschrieb das Nazi-Hauptschulungsamt wie folgt: „Der Hoheitsträger muss sich um alles kümmern. Er muss alles erfahren. Er muss sich überall einschalten.“

Diesen Auftrag verinnerlicht mancher Zeitgenosse bis heute: Für Ruhe und Ordnung im Revier sorgen. Schnüffeln, spitzeln und denunzieren im Dienste der großen Sache. Neuzeitlich organisieren sich „besorgte Leute“ in Patrouillen: von Bürgerwehr bis Scharia-Polizei.

Wenn wir allerdings alle in uns hineinlauschen, werden wir feststellen, dass so ein kleiner Tyrann und Besserwisser in uns allen steckt. Melde sich doch bitte mal der Autofahrer, der nicht wenigstens im tiefsten Inneren einem vorausfahrenden Schleicher Schimpfwörter hinterher schleuderte, dem rasant überholenden Porschefahrer den Scheibenwischer zeigte oder dem halsbrecherischen Spurwechsler den Mittelfinger. Will sagen: So ein bisschen Volkspolizeihelfer steckt doch in uns allen.

Trösten wir uns damit: Der Vandale, der in Rostock die Reifen schlitzt, erreicht ja gerade das, was er will – nämlich den „Fremdländer“ zur pflichtgemäßen Ausreise aus der Hansestadt zu bewegen – gerade nicht, wenn er sein Vehikel fahruntüchtig macht. Die Dumpfheit der Blockwart-Mentalität stimmt doch irgendwie versöhnlich.

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