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Adel verpflichtet : Die Westphalens retten ein Denkmal

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Suche nach einem alten Haus lockte die adlige Familie nach Thüringen: Hier sanierte sie die über 100 Jahre alte Wasserburg

Großbodungen liegt idyllisch im Eichsfeld am nördlichen Rand Thüringens. Braune Hinweisschilder machen schon Kilometer vor dem Ort auf eine mittelalterliche Burg neugierig. Sie gehört Raban Graf von Westphalen und seiner Ehefrau Gerlinde. 1994 kauften sie das Anwesen. Die von Westphalens waren nach dem Mauerfall 1990 auf der Suche nach einem „alten Haus“. Gefunden haben sie es im thüringischen Eichsfeld in einer 1500-Seelen-Gemeinde.

Westfalen wäre ihr Traumziel gewesen. „Das Eichsfeld ist es nun auch“, sagt die Zugezogene, die hier mittlerweile die einzige private Kunstgalerie weit und breit betreibt. „Wir waren neugierig auf ein Land, das wir nicht kannten“, erinnert sich Gerlinde von Westphalen an 1993. Die Politikwissenschaftlerin promovierte damals an der Universität Halle-Wittenberg. Ihr Ehemann Raban Graf von Westphalen lehrte als Professor in Berlin. „Wir wollten ein Denkmal retten und bekamen eine kaputte Burg“, fasst sie die Ausgangsposition zusammen. Sie träumte von einem „Begegnungsort“, einer „kleinen Galerie“. Ein halbes Jahr Bedenkzeit hatte das Ehepaar. Sie blieben wegen der schönen Landschaft und des katholischen Eichsfelds, auch wenn Großbodungen selbst in einem evangelischen Gebiet liegt.

Im 13. Jahrhundert wurde hier eine Wasserburg von den Herren von Bodungen erbaut. Ende des 16. Jahrhunderts erhielt das Anwesen seine bis heute prägende Gestalt mit dem 27 Meter hohen Turm. „Wir wohnten zunächst in einem Bungalow im Nachbarort“, beschreibt Gerlinde von Westphalen die ersten Monate in der neuen Heimat.

Sie ist bürgerlicher Herkunft und erst durch die Heirat eine von Westphalen. „Jeder hat sein Bild vom Adel“, sagt sie. „Dabei ist der Adel seit fast 100 Jahren abgeschafft“. Nur die Namen seien geblieben. Viele Adelsfamilien hätten wegen der großen Anwesen wirtschaftliche Probleme. „Das ist nicht nur Pracht“. Bis in das 13. Jahrhundert reichen die Wurzeln des Adelsgeschlechtes zurück.

Auch in Großbodungen habe man vermutlich gedacht, dass sich die „Relikte des feudalen Klassenfeindes“ ansiedeln. „Sie hätten noch nie eine Gräfin gesehen“, hieß es im Dorf. Hinzu kam, dass sie den Einheimischen kurz nach 1990 weder Versicherungen noch alte Autos aufschwatzen lassen wollten. Das sei eine „Geldvernichtungsanlage“, versuchten sie Nachbarn von ihren Vorhaben abzubringen.

Die von Westphalens sind längst bei Dorffesten dabei und Mitglied im örtlichen Karnevals- und Gärtnerverein und waren schon Thema in der „Bütt“. Der eigene Verein Burgforum hat 50 Mitglieder. „Wir haben uns dran gewöhnt, das ist nichts Besonderes mehr“, sagt Ortsbürgermeister Heiko Steinecke (CDU). „Es sind ganz normale Menschen, die unter uns leben“.

Ganze zwölf Jahre brauchten die beiden Neu-Großbodunger für die Sanierung, allein für den Innenhof zwei Jahre. Dabei standen auch der Graf und die Gräfin auf dem Gerüst und schoben Schubkarren durch den Garten. Das könnte die Einheimischen beeindruckt haben, vermutet Gerlinde von Westphalen. 2012 erhielten sie für ihr Engagement um die Erhaltung und die Restaurierung der Burg den Stiftungspreis der Deutschen Burgenvereinigung.

„Die meisten Adligen müssen arbeiten und Geld verdienen“, räumt die Gräfin mit einem der vielen Klischees auf. Lediglich der Name sei zweifelsfrei adlig. 1996 zum Tag des offenen Denkmals konnten die Großbodunger erstmals die Baufortschritte in der Burg anschauen. „Das haben wir jedes Jahr wiederholt.“ Etwas Neues gab es immer zu zeigen. 2005 wurde die Galerie in die nahe der Burg gelegene „Kemenate“ verlegt, ein stattliches 350 Jahre altes Fachwerkhaus, vom Ehepaar ebenfalls denkmalgerecht saniert.

Mittlerweile betreibt Gerlinde von Westphalen dort ein Café und eine Galerie mit Ausstellungen, Konzerten junger Musiker und Gesprächsrunden. Ende April wird Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erwartet. Es gibt zudem Führungen. „Ich bin ein politisch denkender Mensch, bin nicht selbstzufrieden und möchte etwas für den Ort sowie die Kultur machen“, sagt die Gräfin. Seit 2009 sitzt sie im Kreistag. Für einen kleinen Aufschrei sorgte ihr Fraktionswechsel von den Freien Wählern zu den Linken. „Wir haben unter anderem durch die größere Fraktionsstärke der NPD den Zugang zu zwei Ausschüssen verwehrt“, erklärt sie. Sie wünsche sich, dass mehr Normalität in die politische Kultur einziehe und die Gräben nicht noch größer würden. Dazu gehöre die Akzeptanz eines Politikwechsels, der ihrer Meinung nach notwendig gewesen sei.

Natürlich achteten adlige Familien auch auf Traditionen. Vermutlich deshalb fehlt auch in der Burg ein Wächterzimmer nicht. Es liegt genau über der nicht mehr genutzten Folterkammer.

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