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Untergang der „Estonia“ : Die Wahrheit liegt am Ostseegrund

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 20 Jahren sank die Ostseefähre „Estonia“ – 852 Menschen starben – bis heute belastet das Unglück die Menschen in Estland und Schweden

svz.de von
erstellt am 28.Sep.2014 | 09:00 Uhr

Die Bilder der Unglücksnacht kann Marge Rull nicht vergessen. 20 Jahre, nachdem die Estin mit der „Estonia“ auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der Südküste Finnlands verunglückt ist, ist die Erinnerung an den 28. September 1994 allgegenwärtig. Als 25-Jährige konnte sie sich beim Untergang der unter estnischer Flagge fahrenden Fähre retten. Für 852 Passagiere aber kam jede Hilfe zu spät. Sie starben beim größten Schiffsunglück in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Ich fühlte und hörte, wie die Wellen gegen das Schiff schlagen“, schildert Rull in einem neu erschienenen Buch zum 20. Jahrestag der Katastrophe. „Als sich das Schiff innerhalb weniger Augenblicke nach rechts neigte, sprang ich sofort aus dem Bett. Und als sich das Schiff bei etwa 20 Grad Neigung stabilisierte, war das wie ein Startschuss für mich. Ich dachte, ich muss hier raus.“ Als sie es aus ihrer Kabine geschafft hatte, flüchtete Rull auf das Außendeck. Wegen der Schieflage des Schiffes verlor sie mehrfach den Boden unter den Füßen und stürzte tief. Dennoch schaffte es die damals als Tänzerin auf dem Schiff angestellte Frau nach oben zu gelangen und sich später auf eine der Rettungsinseln zu retten.  Bei stürmischem Wind und stark aufgewühlter See kentert und sinkt die mehrere Tonnen schwere Fähre innerhalb von nur einer Stunde in den Fluten der Ostsee.


Spekulationen über den Untergang


Als die Rettungsaktion von Finnland aus anläuft, ist es für die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder zu spät – sie ertrinken im untergehenden Schiff oder erfrieren im kalten Wasser. Nur 137 Personen überleben das Unglück. In ihrem Bericht machte die viel kritisierte Untersuchungskommission ein falsch konstruiertes Bugvisier und seemännische Fehler der vor allem estnischen Besatzung als wichtigste Ursachen dafür aus, dass die 1980 vom Stapel der Papenburger Meyer-Werft gelaufene Fähre so schnell sinken konnte. 

Doch die Spekulationen um den Untergang, über den ein Kinofilm produziert wurde, haben bis heute nicht aufgehört.  Unstrittig ist, dass die Bugklappe des 157 Meter langen Schiffes sich auf offener See öffnete und abriss, wodurch Unmengen Wasser schnell und ungehindert ins Autodeck strömen konnten. Warum das aber passierte, ist nicht mit letzter Sicherheit festgestellt.


Leichen wurden nicht geborgen


Bei der Ursachensuche wiesen offizielle Stellen stets die Vermutung zurück, dass Sabotage oder eine Bombendetonation an Bord im Zusammenhang mit Militärtransporten der Auslöser gewesen sein könnten.  Endgültige Klarheit mit juristischen Folgen für die Verantwortlichen gibt es auch nach zwei Jahrzehnten nicht. Die Überlebenden und Hinterbliebenen treibt dies heute noch um. „Wir wollen herausfinden, was geschehen ist“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Estonia-Opfer und Angehörige in Schweden, Lennart Berglund. „Die Eltern meiner Frau waren damals an Bord.“ 501 der Toten kamen aus Schweden und 232 aus Estland. Auch fünf Deutsche starben. 

Die abgerissene Bugklappe war das Einzige, das nach dem Untergang von der „Estonia“ geborgen wurde. Die schwedische Regierung löste trotz wiederholter Forderungen der Hinterbliebenen weder ihr Versprechen zur Hebung des Schiffes noch zur Bergung der Leichen aus dem Wrack ein. Stattdessen wurde die „Estonia“ per Gesetz zur Grabstätte für die dort wahrscheinlich etwa 700 eingeschlossenen Opfer erklärt. Die Behörden weigerten sich, „irgendetwas aus dem Wrack hochzuholen“, meint Berglund. 

Nach der Havarie gab es tiefe Umwälzungen in der Branche. So wurden etwa die Anforderungen an die Konstruktion der Schiffe verschärft. Das habe die Sicherheit auf See deutlich verbessert, sagt Markku Mylly, Leiter der Europäischen Agentur für Meeressicherheit.  Auch das estnische Schifffahrtsamt betont, dass der Fährverkehr auf der Ostsee sicher sei. Doch René Allik von der estnischen Polizei- und Grenzschutzbehörde warnt, dass auf dem kleinen und flachen Meer mit hoher Verkehrsdichte eine erhöhte Unfallgefahr bestehe: „Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis wieder etwas passiert.“

Chronologie: Der Untergang

27. September 1994

Die 157 Meter lange „Estonia“ verlässt am Abend mit  989 Menschen (davon 803 Passagiere) den Hafen von Tallinn mit Kurs auf Stockholm.

28. September

Der Funker der Ostseefähre sendet etwa anderthalb Stunden nach Mitternacht (Ortszeit) vor der finnischen Südküste den Hilferuf „Mayday“. Wenig später verschwindet die „Estonia“ von den Radarschirmen der finnischen Küstenwache und sinkt 37 Kilometer südöstlich der Insel Utö in 80 Meter Tiefe. Bei schwerem Sturm werden 137 Menschen lebend geborgen, 49 nur noch tot. Mehr als 800 Tote bleiben im Schiffsinneren eingeschlossen.

Oktober 1994

Nach einem vorläufigen Bericht der Havariekommission mit Experten aus Estland, Finnland und Schweden verlor das Schiff die äußere Bugklappe, durch die nicht ganz geschlossene Rampe sei Wasser auf das Autodeck eingedrungen.

Dezember 1994

Die schwedische Regierung entscheidet, dass die gesunkene Fähre als Grabstätte der Opfer auf dem Grund der Ostsee bleiben soll.

Dezember 1997

Die Havariekommission legt nach drei Jahren ihren Abschlussbericht vor. Der Untergang der Fähre sei entscheidend durch einen Baufehler an der Bugklappe verursacht worden.

September 1999

Die Untersuchungskommission weist Spekulationen über eine mögliche Bombenexplosion an Bord zurück.

August 2000

Die deutsche Fernseh-Journalistin Jutta Rabe und der US-Tauchunternehmer Gregg Bemis lassen trotz eines Verbots Unterwasser-Videoaufnahmen von dem Wrack machen. Laut von ihnen in Auftrag gegebener Gutachten hat es möglicherweise vor der Katastrophe eine Explosion gegeben.

Januar 2005

Eine Untersuchung im Auftrag der schwedischen Regierung bestätigt zwei militärische Geheimtransporte auf der „Estonia“ zumindest einige Tage vor der Katastrophe.

 



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