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Gesundheit : Die verschwiegenen Kinder der Psychiatrie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Niemandem fällt es leicht, über eine psychische Erkrankung zu sprechen – dabei sind sie selbst im Kindes- und Jugendalter alles andere als selten

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 12:00 Uhr

„Unser Kind ist in psychiatrischer Behandlung.“ Niemandem kommt dieser Satz leicht über die Lippen. Auch den Eltern von Ludwig* nicht. Lange hatten sie sich nicht eingestehen wollen, dass ihr Sohn ohne professionelle Hilfe nicht wieder so werden würde, wie sie ihn kannten. Dieser Ludwig ist intelligent, sportlich, hoch motiviert. Der Teenager sei überaus beliebt, erzählt seine Mutter. Er habe auf seine Ernährung geachtet und hart trainiert, betont der Vater.

Doch schleichend änderte sich sein Wesen. Die Eltern nahmen das lange als pubertäres Verhalten wahr, schließlich fiel in diese Zeit auch das Ende von Ludwigs erster großer Liebe. Dass die Eltern selbst beruflich sehr eingespannt sind, hat möglicherweise dazu beigetragen, dass sie lange nicht bemerkten, wie sich ihr Sohn veränderte.

Aber irgendwann war es nicht mehr zu übersehen. Ludwig konnte nicht mehr schlafen. Auffällig war auch, dass er sich intensiv mit dem Sinn des Lebens befasste und sich fragte, was in dieser Welt nicht in Ordnung ist, erzählt der Vater, der dabei die Tränen zurückhalten muss.

Schizoaffektive Störung hieß die Diagnose, die schließlich in der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Rostocker Universitätsmedizin gestellt wurde. Ludwig selbst, der kurz zuvor noch von zu Hause weglaufen wollte, hatte letztlich seine Eltern gebeten, ihn dorthin zu bringen.

Schizoaffektive Störungen sind Erkrankungen, bei denen gleichzeitig oder abwechselnd Symptome einer Schizophrenie, einer Depression und/oder einer krankhafte Hochstimmung, also einer Manie, auftreten. Selten, so heißt es in Fachveröffentlichungen, sind diese Störungen nicht, genaue Zahlen gibt es allerdings keine.

Klinikdirektor Prof. Dr. Frank Häßler kennt aber andere Zahlen: 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland – das entspricht 16 Prozent in dieser Altersgruppe – sind psychisch auffällig. „Ein Drittel davon, also gut 500 000, sind behandlungsbedürftig“, so der Mediziner. Es gebe also genau genommen keinen Grund für Betroffene und ihre Angehörigen, eine psychische Erkrankung zu verschweigen. Zumal: Obwohl die Gesamtbevölkerungszahl ebenso wie die Zahl der Kinder in Mecklenburg-Vorpommern rückläufig ist, wächst der Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung, weiß der Rostocker Klinikchef. Er schiebt das unter anderem auf wegbrechende familiäre Strukturen. „Kinder von Alleinerziehenden sind besonders oft betroffen.“

Die 35 stationären und zwölf tagesklinischen Betten in Rostock seien ständig belegt, so Prof. Häßler. Bei nicht akut behandlungsbedürftigen Krankheitsbildern wie ADHS gebe es bereits Wartezeiten von vier bis acht Wochen. Fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen hierzulande leiden an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), weitere fünf Prozent haben emotional-depressive Störungen. Störungen des Sozialverhaltens treten bei fünf bis sechs Prozent aller Mädchen und Jungen auf – auch sie sind nicht immer behandlungsbedürftig, schränkt Prof. Häßler ein. In jedem Fall aber müssten Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter – sie betreffen ein Prozent der Mädchen und Jungen – und schizophrene Störungen im späten Jugendalter (0,5 Prozent) behandelt werden. Auch die Eltern und das soziale Umfeld der jungen Patienten, also beispielsweise ihre Schule, würden dabei mit einbezogen. Zeitliche Beschränkungen wie in vielen anderen klinischen Bereichen gebe es nicht, betont der Klinikdirektor: „Wir nehmen uns so viel Zeit wie nötig. Wir haben Kinder, die bleiben drei Monate, und wir haben Kinder, die bleiben ein Jahr bei uns.“

Auch Ludwig verbrachte einige Wochen auf Station. Was seinen Eltern aus dieser Zeit besonders positiv in Erinnerung geblieben ist: „Hier gab es keinerlei Schuldzuweisungen, aber immer ein offenes Ohr, auch für uns. Wir konnten jederzeit anrufen, wenn wir eine Frage hatten.“ Denn, und auch das hätten sie während der Erkrankung ihres Sohnes schmerzvoll erkennen müssen: „Man kann sich zwar viel im Internet zusammensuchen – aber das ist alles nur Halbwissen.“
Mittlerweile wird Ludwig in einer Tagesklinik betreut, um ihn auf den Übergang in seine Heimatschule vorzubereiten. Die Ärzte, Betreuer, Lehrer und Eltern wollen ihn dabei so gut wie möglich unterstützen und begleiten. Ludwig braucht Verständnis und viel Einfühlungsvermögen, denn das ist noch einmal ein großer Schritt für ihn.

Dank seiner Therapeuten kann er inzwischen auch ganz gut kommunizieren, dass er noch Medikamente nehmen muss, erzählt seine Mutter: Wenn er zittere, würde er sich nicht damit herausreden, dass er friert, sondern ehrlich gestehen, dass er Medikamente nimmt, die den Tremor bewirken. „Herzkranke reden ja auch ganz offen darüber, dass sie zwei oder drei Stents haben – genauso selbstverständlich muss es werden zu sagen: Ich bin psychisch erkrankt und nehme Medikamente“, wünscht sie sich.

„Das Allerwichtigste ist, dass wir die Menschen so annehmen, wie sie sind und auch keine komischen Bilder im Kopf haben, die den Umgang mit ihnen erschweren.“ Trotzdem möchte auch Ludwigs Mutter ihren Namen und den ihres Kindes lieber nicht gedruckt sehen – um ihm nicht die Zukunft zu verbauen, wie sie betont. Denn die Familie hat die – berechtigte – Hoffnung, dass Ludwig wieder ganz gesund wird. Welchen Schulabschluss er macht, ist momentan zweitrangig. „Stress und ein hohes Anspruchsdenken sind Faktoren, die die Erkrankung begünstigen“, wissen die Eltern. Hier, so meinen sie, müsste es ein Umdenken geben: in der Schule, der Arbeitswelt, der ganzen Gesellschaft. In ihrer Familie haben sie das bereits geschafft.

* Name geändert

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