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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 06:53 Uhr

Kriegsmunition : Die unsichtbare Gefahr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auch 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges kostet Munition noch Menschenleben

Sie sehen aus wie harmloser Bernstein – doch sind sie im Wortsinne brandgefährlich: An den Stränden der Insel Usedom spült die Ostsee seit mehr als einem halben Jahrhundert regelmäßig kleine Stücke weißen Phosphors an. Die weißlich-gelben Bröckel sind Relikte von Brandbomben des Zweiten Weltkriegs, selbstentzündend und da-rum eine Gefahr für jeden, der sie berührt.

Ein bis drei Phosphor-Patienten behandeln Oberarzt Peter Hinz und sein Team am Universitätsklinikum Greifswald pro Jahr. „Sie kommen mit Verbrennungen zweiten Grades ins Krankenhaus“, berichtet Hinz und zeigt auf Aufnahmen von verletzten Händen und Beinen. „Die Schrecksekunde ist riesengroß, wenn sich der Phosphor in der Hand oder Hosentasche selbst entzündet.“ Und wird danach vielleicht noch größer, denn mit Wasser lässt sich brennender Phosphor nicht löschen.

In die Ostsee vor Usedom gelangt sind die Phosphor-Stücke wohl 1943. Damals wurde die geheime Waffenschmiede Peenemünde im Norden der Insel von Alliierten schwer bombardiert – ein Teil der Brandbomben landete im Meer und rottet dort bis heute vor sich hin.

Die Usedomer Phosphor-Reste sind nur ein minimaler Teil der Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Fast täglich gibt es irgendwo in Deutschland Meldungen von Granatenfunden und Bombenentschärfungen. Doch ein genauer Überblick fehlt. Experten wie der Chef des Munitionsbergungsdienstes in Mecklenburg-Vorpommern, Robert Mollitor, gehen davon aus, dass je nach Zünderkonstruktion rund 10 bis 20 Prozent der über dem Deutschen Reich abgeworfenen Bomben als Blindgänger auf dem Boden landeten.

„Aus Archiven wissen wir, wo und welche Bombardements niedergegangen sind“, sagt Mollitor. „Uns fehlen aber wichtige Daten zur Beräumung von Blindgängern in den letzten Kriegsjahren und auch in den ersten 10 bis 20 Nachkriegsjahren.“ Dazu kommen unbekannte Mengen an Munition und Waffen, die als Altlasten in eilig nach dem Krieg zugeschütteten Grabensystemen oder in Wäldern verrotten. „Es ist ein großes Problem, dass man nicht mehr sagen kann, wie viele Bomben heute noch im Boden sind.“

Rund 1,35 Millionen Tonnen Bomben warfen britische und amerikanische Flieger über dem Deutschen Reich ab. Am schwersten durch Bombardements betroffene Großstädte waren nach Angaben des Militärhistorischen Museums in Dresden die Hauptstadt Berlin mit  einer  Bombenlast von 68 285 Tonnen, gefolgt von Köln (48 014 Tonnen) und Hamburg (38 319 Tonnen). In Köln, Dortmund und Düsseldorf wurden mehr als zwei Drittel der Wohnungen zerstört, wie Jens Wehner, Historiker am Militärhistorischen Museum in Dresden berichtet. 1942 hatte das britische Luftfahrtministerium mit der Area Bombing Directive den gezielten Luftangriff auf deutsche Städte beschlossen. Ziel dieses „moral bombing“ sei es gewesen, die Moral der Bevölkerung zu brechen und den weit verbreiteten Glauben der Bevölkerung an einen Endsieg zu erschüttern.

Auch nach den vielen Jahrzehnten haben die Bomben nicht an Sprengkraft verloren, werden mit der Zeit sogar gefährlicher. „Der Sprengstoff in den Bomben ist chemisch stabil. Seit der Erfindung des TNT vor rund 100 Jahren wurden keine nennenswerten Verringerungen der Sprengwirkung festgestellt“, sagt Munitionsbergungsexperte Mollitor. Allerdings würden die Zünder durch Korrosionsprozesse empfindlicher, was die Gefahr von Selbstdetonationen erhöhe.

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