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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 07:03 Uhr

Die unordnende Hand der Natur

vom

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2011 | 07:31 Uhr

Neustrelitz | Die ersten vier Kilometer auf dem Rad sind für Wolf Stein an jedem Morgen die härtesten. Sie führen über eine holprige Buckelpiste, wie sie der Globetrotter sonst nur aus den tiefen Wäldern Alaskas oder aus dem australischen Outback kennt. Anschließend muss der "Praktikant für die Umwelt" weitere 16 Kilometer zurücklegen, um von der Unterkunft im Forsthaus Serrahn, mitten in seit vielen Jahrzehnten unberührten Buchenwäldern gelegen, in sein Büro nach Hohenzieritz zu gelangen. Umso glücklicher ist Stein, wenn statt der Büroarbeit im Nationalparkamt Müritz Expeditionen anstehen. Erst recht, seit der Nationalpark von der Unesco kürzlich zum Welterbe erklärt wurde.

Der 33-Jährige hatte sich auf einen der insgesamt 50 Praktikumsplätze beworben, die die Commerzbank und Europarc Deutschland regelmäßig ausschreiben, um die Natur zu erleben und Menschen die Schätze der deutschen Nationalparks nahe zu bringen.

Es zieht ihn raus aus der Stadt

Der Wechsel zwischen Wildnis und Zivilisation ist für Wolf Stein, im Gegensatz zu vielen seiner sehr viel jüngeren Mitpraktikanten, nichts Neues. 2004 kündigte der Magdeburger seinen Radio-Job, um ins Traumland Australien aufzubrechen. Spätestens seit dieser Zeit im Outback zieht es ihn immer wieder raus aus dem bequemen Stadtleben.

Seine extremste Erfahrung war dabei die Arbeit als Baumpflanzer in Kanada. Schlafen, pflanzen, essen, schlafen - und wieder pflanzen. Allein in schweren Spezialstiefeln über gerodete Flächen und Hänge stapfen, um die geholzten Wälder wieder aufzuforsten. Wer diesen Knochenjob durchhält, ohne dem ständigen Wunsch, einfach aufzuhören, nachzugeben, verdient sich bei Kanadiern höchsten Respekt. Und nimmt die Erkenntnis mit, dass die "ordnende Hand des Menschen", die Forstwirte so gern beschwören, Lücken hinterlässt, die nur mit größter Anstrengung wieder zu schließen sind. Wolf Stein hat seine Erfahrungen als Baumpflanzer in einem Buch mit dem Titel "Ich seh den Wald vor Bäumen nicht" aufgeschrieben. Im Müritz-Nationalpark erlebt er nun täglich einen Buchenwald in seiner Urform, wie es ihn weltweit nur noch höchst selten gibt. Seit mehr als 50 Jahren ist hier alles so gut wie unberührt.

Lange hatte das Gebiet auf der Anwartschaftsliste zum Weltnaturerbe gestanden, alle, die es lieben und pflegen, hatten die Daumen gedrückt. Ende Juni folgte tatsächlich die Anerkennung. Sie garantiert zusätzlichen Schutz, denn mit den zu erwartenden höheren finanziellen Zuwendungen kann der Nationalpark zudem besser bewahrt und gleichzeitig für Kinder, Jugendliche und Erwachsene noch erlebbarer gemacht werden. Man muss nur Geduld haben, will man heutzutage miterleben, wie die Natur sich erholt vom Eingriff des Menschen.

Für Stein, der noch heute begeistert von Alaska und Australien schwärmt, sind diese Wälder ein Grund, sich in Zukunft in Deutschland für den Umweltschutz und ein ungestörtes Naturerleben einzusetzen. "Ich musste wohl erst mit einem 25 Kilogramm schweren Gürtel, gespickt mit Jungbäumen, durch das kanadische Unterholz kriechen, um hier in Serrahn herauszufinden, welche Naturschönheiten auch die eigene Heimat bietet", sagt Stein, der im normalen Leben als freier Radioproduzent tätig ist.

Sein "Praktikum für die Umwelt" begann Wolf, um sich auf ein Studium im weiten Bereich "Natur" vorzubereiten. Als einziger nicht aktueller Student unter den 50 Teilnehmern macht er nun die Erfahrung, welche Arbeit es erfordert, pures Naturerleben in Deutschland für alle Generationen zu ermöglichen und attraktiv zu gestalten. Eines seiner aktuellen Projekte zeigt jedoch, dass etwas getan wird: Die meisten Expeditionen ins Umfeld seiner einfachen, aber bequemen Unterkunft gelten der Aktion "Junior-Ranger". Hierbei sollen Kinder aus dem Umland, aber auch aus größeren Städten wieder lernen, unberührte Natur zu erleben.

Steins Traumberuf: Ranger im Naturpark

Stein schießt dabei laufend Fotos von wild wuchernden Moosen, umgestürzten hunderte Jahre alten Buchen und zuletzt sogar von einer neugierigen Kreuzotter. Mit diesen Aufnahmen soll später auf Prospekten und im Internet geworben werden. "In Zukunft", so Stein, "sollen noch mehr Kinder und Jugendliche diese rohen, aber unfassbar schönen Wälder mit dem Wunsch verlassen, immer wieder in die Natur zurückzukehren".

Nur so, wenn Menschen die Natur wieder von jung auf achten und lieben lernen, sei es möglich, die Naturschätze in Deutschland zu bewahren. Derzeit fehlt Stein für seinen Traumberuf Naturpark-Ranger jedoch die Perspektive: "Die Gelder müssen überall zusammengestrichen werden. Und da keine neuen Stellen geschaffen werden, ist die Altersstruktur unter den Angestellten der Naturparks nicht gerade optimal." Umso wichtiger seien daher Projekte wie das "Praktikum für die Umwelt". Und umso weniger treffen Stein Kritikerstimmen, die hinter dem Engagement von Sponsoren lediglich Imagepflege vermuten. "Ohne Geld lässt sich auch im Umweltschutz nichts bewegen. Wenn nun 50 angehende Naturpark-Schützer drei Monate erleben, welche Schätze wir zu verlieren drohen, ist das im Ergebnis für alle und vor allem für die Umwelt ein Gewinn", sagt Stein.

Der 33-Jährige genießt diese Momente fernab von Straßen, Häusern und Menschenmassen sichtlich. Schon bald wird er in die Zivilisation zurückkehren und wieder eine Zeit lang als freier Radioproduzent arbeiten. Der nächste Schritt in Richtung Traumjob ist allerdings gemacht. Und dass er dabei trotz schützender Ranger-Kleidung unzählige Mückenstiche, bei der Honigernte sogar einige heftige Bienen attacken erleiden und etliche anstrengende Radtouren hinter sich bringen musste, tut Stein mit einem Lächeln ab. "Wenn ich am Abend mit einem Stück Kuchen zu Rudi und Anni in ihr einsames Waldhäuschen gehe, um mir Geschichten aus über 60 Jahren Leben in der Natur anzuhören, sind solche kleinen Strapazen vergessen".

Das Paar lebt seit dem Kriegsende dort, wohin sich sonst nur gelegentlich Wanderer verirren, weil nur einen überwucherten Trampelpfad zum Haus gibt. Die beiden Originale sind neben Frau Weber, 79 Jahre und Witwe des ehemaligen Försters Hubert Weber, die einzigen Nachbarn der Forsthaus-Bewohner. Abgesehen von den Tieren. Sie leben ein typisches Einsiedlerleben, tief im Wald. Auch im hohen Alter.

Es gibt sie also noch, die Menschen, die allein mit der Natur glücklich und alt werden können. Und selbst wenn dieser Lebensentwurf sicher die absolute Ausnahme bleiben wird - für Wolf Stein wäre es schon ein Fortschritt, wenn dank gesicherter Nationalpark-Strukturen wieder mehr junge Menschen ursprüngliche Natur erleben wollen - und vielleicht werden.

>> EXTRA: Vom Wattenmeer bis zu den Malediven

Die Unesco hat weitere 18 Regionen als Biosphärenreservate in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Erstmals sind auch Gebiete aus den Ländern Litauen, den Malediven, den Karibikinseln Saint Kitts und Nevis sowie Togo als Weltnaturerbe anerkannt worden, sagte Natarajan Ishwaran, Direktor des Unesco-Umweltprogramms „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB).

Außerdem verständigte sich die Tagung des internationalen MAB-Koordinierungsrates auf Gebiete unter anderem in China, Israel, Kanada, Portugal und Schweden. Das Netz aus Weltnaturerbe Stätten umfasst damit 580 Biosphärenreservate in 114 Ländern. Allein 15 Reservate liegen in Deutschland.

Seit 1971 unterstützt die Unesco weltweit Initiativen, die Naturschutz und nachhaltige Bewirtschaftung miteinander verbinden. In Deutschland sind das die Wattenmeergebiete, die Rhön, die Schwäsche Alb und der Spreewald. Auch die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft trägt den Titel Unesco-Weltnaturerbe.

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