zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. Oktober 2017 | 04:30 Uhr

Die unbekannte Herausforderin

vom

svz.de von
erstellt am 19.Sep.2013 | 09:51 Uhr

Stralsund | Auf den ersten Blick gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen der hochgewachsenen, gertenschlanken Sonja Steffen und der deutlich kleineren, kompakten Angela Merkel. Auf den zweiten Blick allerdings verbindet beide Frauen eine ganze Menge: Beide sind Mitglieder des deutschen Bundestages. Beide kandidieren erneut für ein Mandat. Beide führen die Landesliste ihrer Partei in Mecklenburg-Vorpommern an. Und beide werben bei denselben Wählern um ihre Stimmen: Im Bundestagswahlkreis 15, der neben dem Landkreis Vorpommern-Rügen auch die Hansestadt Greifswald und das vorpommersche Amt Landhagen umfasst.

Würde allein die Präsenz vor Ort über den Wahlausgang am Sonntag entscheiden, hätte Sonja Steffen von der SPD die Nase um Längen vorn. Am letzten Freitag, als sie auf der MeLa mit anderen Bundestagsabgeordneten auf einem Podium über erneuerbare Energien diskutierte, hatte die 50-jährige Fachanwältin für Familienrecht den letzten Termin außerhalb ihres Wahlkreises. Seitdem steht sie tagtäglich an vier bis fünf Stationen auf Straßen und Plätzen Passanten Rede und Antwort, besucht an den meisten Abenden zudem Foren, taucht auch mal in Studentenclubs auf.

Die Kanzlerin ist abwesend - und dennoch wohl unschlagbar. Sie wird erst (und nur) am Sonnabend in Stralsund sein. Während Merkel gestern ihrem CDU-Parteifreund Dietrich Monstadt in Schwerin Schützenhilfe gab und am Abend auch noch in Hamburg auftrat, warb Sonja Steffen in Greifswald und Landhagen um Wählerstimmen. Prominente Unterstützung blieb ihr in diesem Wahlkampf verwehrt - SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hatte sich zwar in Stralsund angemeldet, sagte dann aber kurzfristig ab, um sich für eine Aussage vor dem NSU-Untersuchungsausschuss bereitzuhalten. Also (wahl-)kämpft Steffen ohne Prominenz aus Berlin - und mit ganz einfachen Mitteln. In den ersten Wochen habe sie noch Kuchen verteilt, doch mittlerweile sei sie auf Rosen umgestiegen, erzählt die Stralsunderin. "Aufmerksamkeit auf sich zu lenken ist ganz wichtig, es reicht nicht, nur hinter dem Info-Stand zu warten." Sie sei immer wieder überrascht darüber, wie politisch interessiert und auch gebildet vor allem viele Ältere wären, mit denen sie ins Gespräch kommt. Gerade sie würden auch von sich aus die SPD-Spitzenkandidatin ansprechen. "Aber wir wollen natürlich alle erreichen, auch junge Mütter, Berufstätige, Eltern…" Auf sie geht Sonja Steffen deshalb mit ihrer Rose direkt zu. Natürlich käme es dabei auch vor, dass jemand ablehnt. "Ich wähl’ Sie aber nicht", hört die Kandidatin dann auch ganz direkt - "aber damit kann ich leben, schlimmer wäre es, wenn jemand sagen würde, er ginge gar nicht zur Wahl. Das ist mir aber nur selten passiert."

Als sich die Mutter dreier Töchter - heute 12, 13 und 19 Jahre alt - vor vier Jahren zum ersten Mal für die SPD zur Wahl für den Bundestag stellte, bekam sie gerade einmal 12,6 Prozent der abgegebenen Stimmen in ihrem Wahlkreis. Das Direktmandat ging an Angela Merkel, die fast die Hälfte aller Erststimmen auf sich vereinen konnte. Selbst die Bewerberin der Linken, Marianne Linke, erreichte mit gut 26 Prozent der Stimmen ein besseres Ergebnis als Steffen. Die SPD-Frau zog damals auf Platz zwei Landesliste dennoch in den Bundestag ein - so wie sie es auch diesmal als Spitzenkandidatin sicher tun wird. Aber sich deshalb im Wahlkampf zurückzulehnen, das käme für sie überhaupt nicht in Frage, betont Sonja Steffen: "Dass sie mich zur Spitzenkandidatin gewählt haben, ist ein ungeheurer Vertrauensbeweis der Genossen. Und es ist für mich zugleich Verpflichtung, wirklich alles zu geben, um gewählt zu werden."

Die Angleichung der Renten in Ost und West und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nennt Steffen als Themen, die ihr besonders am Herzen liegen. Vor allem aber ist es der Mindestlohn: Die Menschen in ihrem - und damit auch in Merkels - Wahlkreis gehören zu den am schlechtesten bezahlten in Deutschland. Die Arbeitslosenquote liegt weit über dem Bundesdurchschnitt, in der Region um Greifswald ist sie sogar fast doppelt so hoch. "Die Merkel-Politik hat im Wahlkreis zum Stillstand geführt", sagt Sonja Steffen. Das würde sich auch der Kanzlerin ins Gesicht sagen - doch ein persönliches Gespräch zwischen den beiden Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis 15 gab es noch nie. "Das ist schade, denn es gibt manchmal ja auch Projekte von regionalem Interesse, über die an sich absprechen sollte, um gemeinsam etwas für die Region zu bewegen", bedauert Steffen. "Aber man kann wohl nicht erwarten, dass die Kanzlerin noch die Energie und die Zeit hat, um sich damit zu beschäftigen, ob hier ein Praktiker zumacht oder was im Pommerndreieck passiert."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen