Die Tücken der Ausfall-Statistik

Bei den Ursachen einer Vertretungsstunde bieten die Meldebögen mehr als 30 Möglichkeiten an - welches Fach ausfällt, wird aber nicht erfasst. dpa
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Bei den Ursachen einer Vertretungsstunde bieten die Meldebögen mehr als 30 Möglichkeiten an - welches Fach ausfällt, wird aber nicht erfasst. dpa

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21. Januar 2013, 12:20 Uhr

Schwerin | Schüler und Eltern in Mecklenburg-Vorpommern mögen es kaum glauben: Der Unterrichtsausfall im Land ist so gering wie nie zuvor - mit dieser Erfolgsmeldung wartet Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) auf. Er hätte das Thema besser nicht ausschlachten sollen, empfiehlt Simone Oldenburg, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag. Mit dem Argument, die Zahlen seien unvollständig, tritt sie an, die ministerielle Ausfallstatistik zurechtzurütteln.

Darin wurden die Daten des vergangenen Schuljahres ausgewertet. 2011/12 stand demnach an den allgemeinbildenden Schulen im Durchschnitt jede 10. Unterrichtsstunde zur Vertretung an - "9,9 Prozent bezogen auf das Stundensoll", heißt es im Bericht des Ministeriums. 2,1 Prozent der vakanten Stunden fielen aus, im Jahr zuvor waren es noch 2,3 Prozent.

Zahlen, die angesichts latenter Elternklagen misstrauisch stimmten müssen. Der letzte Leserbrief zum Thema bezieht sich auf ein großes Gymnasium an der Mecklenburgischen Seenplatte. "Wir haben schon erleben dürfen, dass von acht Unterrichtsstunden tatsächlich zwei gegeben wurden, der Rest ist ausgefallen" schreibt der erboste Vater einer Schülerin aus der Abiturstufe "Für die Fahrschüler ist es eine Katastrophe, sie können ja nicht wie die Städter mal eben nach Hause fahren, wenn zwei oder mehr Stunden am Stück ausfallen, man aber vielleicht zur 7. oder 8. Stunde wieder da sein muss." Minister Brodkorb hält den Kontrast zwischen seinen Zahlen und den Beobachtungen in der Realität für wenig verwunderlich. "Subjektive Wahrnehmung und objektive Erkenntnisse müssen ja nicht übereinstimmen", sagt er. "An manchen Stellen haben wir excellente Verhältnisse und anderswo extreme Probleme."

Simone Oldenburg erhebt zwei Vorwürfe gegen Zählweise des Ministeriums: Bei dem für die Prozentrechnung entscheidenden Wert von 100 werde nicht sauber gearbeitet: "Die Statistik ist

nicht realistisch. Sie bezieht zum Beispiel Förderstunden nur unvollständig ein." Zudem gibt es keine Auskünfte darüber, welche Fächer überhaupt ausfallen, bemängelt die Linkspolitikerin, die sich aufgrund ihrer Vergangenheit als Leiterin einer Regionalschule in Nordwestmecklenburg mit der Schulstatistik auskennt. "Die einer Schule zugewiesenen Stunden werden unterschieden nach Grund- und Zusatzbedarf."

Letzterer umfasst etwa 7 bis 10 Prozent der Gesamtzahl und dient vor allem zur Förderung, beispielsweise bei Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche oder weiterem sonderpädagogischem Förderbedarf. "Sie werden in der Statistik nicht vollständig erfasst", erklärt Simone Oldenburg. "Und wo wird wohl zuerst gestrichen? Bei der Förderung Einzelner." Könnten also schlimmstenfalls bis zu 10 Prozent der Stunden einer ausfallen, ohne dass es in der Statistik auftaucht?

Das Ministerium weist den Vorwurf zurück. In einer Stellungnahme heißt es: "Für die Berechnung des Unterrichtsausfalls und der zur Vertretung angefallenen Unterrichtsstunden werden als Stundensoll alle im Stundenplan der Einzelschule und damit die insgesamt zu erteilenden Unterrichtsstunden zugrunde gelegt. Eine Differenzierung nach Grund- und Zusatzbedarf ist somit nicht erfolgt." Einspruch kommt von Simone Oldenburg. "Häufig werden Förderstunden klassenübergreifend erteilt und tauchen demzufolge nicht nur im Stundenplan einer Klasse auf", argumentiert sie und nennt das Beispiel der Lese-Rechtschreib-Schwäche, wo Unterricht von Klasse 5 bis 7 sowie für die Klassen 8 und 9 erteilt wird. "Würde je eine Stunde pro Klasse gezählt, entstünde ein falsches Bild. Also lassen die Schulen diese Stunden ganz aus der Rechnung heraus." Nur eine eindeutige Arbeitsanweisung des Ministeriums könnte diese Lücke schließen, schätzt sie ein und kommt zum zweiten Manko der Statistik - "die Frage, welche Fächer ausfallen, bleibt offen."

Nach Auskunft des Ministerium können daraus keine "eindeutigen und weiterverwertbaren Schlussfolgerungen gezogen werden". Und: "Die fächerbezogene Erhebung von Ausfalldaten stellt einen unverhältnismäßig hohen zusätzlichen Verwaltungsaufwand für alle beteiligten Stellen, vor allem für die Schulen selbst, dar und ist daher nicht vorgesehen." Simone Oldenburg kann darüber nur lachen. "Schon immer erfassen die Schulen genau, was ausfällt, jeder Klassenlehrer trägt es stundengenau im Klassenbuch ein." Auf den Meldebögen für die Statistik sind allein bei den Ursachen für Vertretungsstunden "sage und schreibe 30 Wahlmöglichkeiten und drei zusätzliche Zeilen für Sonstiges vorgesehen", erklärt Simone Oldenburg. "Und da soll ausgerechnet die Benennung der Fächer ein zu großer Aufwand sein?" An solchem Sprengstoff sei das Ministerium schlichtweg nicht interessiert.

Minister Brodkorb verbucht für sich, dem Vertretungsunterricht über Ursachenforschung beizukommen. Im Frühjahr 2012 hatte er mit einem 10-Punkte-Programm gegen Unterrichtsausfall erste Verbesserungen auf den Weg gebracht. Unter anderem wurden Vertretungslehrer für Grundschulen eingestellt und Lehrerfortbildungen in die unterrichtsfreie Zeit verlagert. "Das sind sicher keine riesigen Sprünge, aber immerhin kleine Schritte", erklärt er.



Vertretungsunterricht und Stundenausfall
Im Durchschnitt sind im Land im vergangenen Schuljahr 9,9 Prozent des Unterrichts zur Vertretung angefallen:
Grundschulen   7,6 Prozent
Regionalschulen 11,3 Prozent
Gymnasium   9,7 Prozent
Gesamtschulen 11,2 Prozent
Förderschulen 12,2 Prozent
Berufsschulen 10,5 Prozent


Dabei lag der Unterrichtsausfall – „bezogen auf das Stundensoll“, wie es in der Statistik des Bildungsministeriums heißt – im Landesdurchschnitt bei 2,1 Prozent:

Grundschulen 0,7 Prozent
Regionalschulen 3,0 Prozent
Gymnasium 2,9 Prozent
Gesamtschulen 3,1 Prozent
Förderschulen 2,2 Prozent
Berufsschulen 5,0 Prozent

Quelle: Bericht zur Situation des Vertretungsunterrichts in Mecklenburg-Vorpommern im Schuljahr 2011/12

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