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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 16:12 Uhr

Die Trommler werden nicht verstummen

vom

svz.de von
erstellt am 15.Okt.2012 | 08:54 Uhr

Schwerin | Der "Ossi" und die "Manu" werden den "Ecki" morgen rund zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff mit dem Auto abholen und mit ihm zur Schweriner Sport- und Kongresshalle fahren. Wie so oft bei Heimspielen des SV Post Schwerin. Das Trio ist das Vorauskommando des Fanclubs Gelb-Blaue Ossenköpp. Gut zwei Stunden vor Spielbeginn werden "Ossi", "Manu" und "Ecki" in der Halle die Vereins-Fahnen aufhängen, die zehn Kilogramm schweren Trommeln aufbauen, die Fan-Ecke einrichten. Morgen vielleicht zum letzten Mal in der zweiten Handball-Bundesliga.

Die Profi-Handballer des Schweriner Traditionsvereins sind pleite. Mit dem Heimspiel gegen den SV Henstedt-Ulzburg geht morgen möglicherweise eine Ära zu Ende. Die Postler bestreiten wahrscheinlich ihr letztes Heimspiel in der zweiten Liga. "Wir werden aber genauso reinhauen wie vorher", verspricht "Ecki", der den Handballern aus der Landeshauptstadt seit mehr als 40 Jahren treu ist und eigentlich Eckhard Lehmann heißt. Sein zweites Zuhause ist auf der rechten Hallenseite, im unteren Teil von Block E. Das ist der Stammplatz der rund 45 Ossenköppe. Blaue T-Shirts mit dem Ochsenkopf auf der Vorderseite und dreieckigem Vereinsemblem am linken Ärmel sind ihr Erkennungszeichen. Und das soll so bleiben.

Wahre Fans kennen keine Liga

"Ecki" wird das Hemd weiterhin tragen und die Post-Spieler mit einer Klatschpappe antreiben. Sein Sohn wird auf die große Trommel hauen. Die Ossenköppe ziehen nicht einfach die Hörner ein. Sie werden weiter trommeln, klatschen, anfeuern - auch in der dritten Liga. "Es wird weitergehen. Wir haben die Chance zu einem Neuaufbau", ist Eckhard Lehmann optimistisch.

Die Insolvenz ist ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Post-Handballer, "aber kein Sturz ins Bodenlose. Deswegen wird kein Mitglied den Club verlassen", sagt Lehmanns Fan-Kollegin Katja Hötzel. Für den wahren Schlachtenbummler gibt es keine Liga, findet die 35-Jährige. Sie hat mit ihrem Lieblingsverein schlimmere Ereignisse durchgestanden: Wie die 28:40-Pleite gegen Empor Rostock in der Saison 2009/2010, als sie mit den anderen Fans anschließend bei minus 18 Grad vor der Halle in der Hansestadt stand und das Bier in den Plastebechern gefror.

Zum wahrscheinlich letzten Heimspiel, morgen um 19.30 Uhr, wird Katja Hötzel wieder den Fan-Stand betreuen. Handgeknüpfte Freundschaftsarmbänder aus blau-gelber Wolle wird sie anbieten, Aufkleber und Poster auslegen. Wie immer bei Heimspielen. "Die Insolvenz war für einige Leute der Weltuntergang", erzählt sie. Aber wer als Ossenkopp für den Verein lebt, schmeißt nicht einfach die Brocken hin. "Der Trend ist absolut optimistisch", sagt Hötzel. Die meisten Fans seien überzeugt, dass Geschäftsführer Friedrich Diestel und der Vereinsvorsitzende Heiko Grunow die "richtigen Männer" für den Neuaufbau seien.

Der Verein ist wie eine Familie

Begleitet wurde der Abgesang des Schweriner Spitzenhandballs in den vergangenen Wochen immer wieder von Erinnerungen an die glorreichen Zeiten. Auch "Ecki" Lehmann hat die großen Duelle gegen den Erzrivalen Empor Rostock miterlebt. 5000 bis 6000 Leute strömten in den 80-ern zu den Partien in die Halle. "Da waren sogar die Treppen als Sitzplätze nummeriert und die Kleingärtner haben Klappstühle mitgebracht", erinnert sich der 66-Jährige.

Doch auch die dritte Liga findet Katja Hötzel "wahnsinnig attraktiv". Warten dort doch mit Teams wie dem Stralsunder HV ehemalige Zweitligisten, also alte Bekannte, auf die Schweriner Handballer. Die Post-Truppe läuft dann bestimmt mit neuen Gesichtern auf. Die Unterstützung der Ochsenköpfe wird ihnen aber sicher sein - auch fern der eigenen Halle in der Landeshauptstadt. "Weil die Fahrten zu den Auswärtsspielen kürzer sein werden", sagt Fanclub-Mitglied Katja Hötzel. Und natürlich wollen die Fans weiter mit anpacken, wenn einmal Not am Mann ist.

Bereits in den vergangenen Spielzeiten haben sie schon mal zusätzlich Eintrittskarten mit verkauft oder das Catering mit aufgebaut. Als nach der Pleite das Geld für ein Buffet fehlte, brachten die Mitglieder des Fanclubs kurzerhand Kartoffelsalat, Bouletten, Schnitzel und Kuchen mit. "Das ist bei uns wie in einer Familie", erzählt "Ecki" Lehmann. Da hält man zusammen. "Wir werden weiterhin unsere Hilfe anbieten", sagt Katja Hötzel. Das Familienkonto mag zwar leer sein, die Zukunft ungewiss - aber die gelb-blaue Sippe zerbricht deswegen noch lange nicht.

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