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Goethes Faust in Wismar : Die Tragödie in der Schaubude

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Wismarer Klassikertage zeigen Goethes „Faust I“ in der St. Georgen-Kirche

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Es sei über ihn, so Goethe in seinem Aufsatz „Shakespeare und kein Ende“, so viel gesagt, dass es scheinen möchte, als wäre nichts mehr zu sagen übrig. Hat Goethe geahnt, dass es ihm mit dem „Faust“ ebenso ergeht? Dennoch gibt es zwischen „Faust“ hier und „Faust“ dort mehr als unsere Schulweisheit und das Germanistikseminar sich träumen lassen. Auf dem Theater ist dieses „inkommensurable“ Stück, wie der Geheimrat es genannt hat, zwar auch schwer messbar, aber immer wieder neu und anders. Zumal, es wusste schon der Direktor im Vorspiel: „Auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag.“

Bei den Klassikertagen in der Wismarer St. Georgen-Kirche nun hat Holger Mahlich das Welttheater nicht durch den Regie-Schredder gezogen, wie es die Mode ist. Zwischen dem aufstrebend gotischen Gemäuer hat Bühnenbildner Falk von Wangelin eine riesige silbergraue, schwarz gestrichelte Kugel platziert, umgeben von gleichartigen kleineren. Deren Schraffuren schaffen im wechselnden Farblicht eine Anmutung von kosmischer Ursuppe. Darunter ein rustikales Gerüst mit Empore, Treppen, Versatzstücken, Bodenklappe, davor eine Art Brecht-Gardine. Für viel Phantasie ein Platz zwischen Himmel, Erde und Hölle, auf dem ein Exempel statuiert wird: Es kann nicht gut enden, wenn man seinen Weltekel überwinden, seine Erkenntnisse schärfen, seine Leidenschaften durchsetzen will im bedenkenlosen Verein mit einem Weltverächter. Mit derart Moral ist Goethe unserer Welt erstaunlich nahe.

Mahlich aber sucht nicht den direkten Bezug, er rückt, eng am Blatt, das Spiel von der Gegenwart ab als Historie im Stil der Schaubude, legt die komödiantische Substanz der Tragödie frei. Da dampft und tönt die Geschichte mit großen Gesten und Anflügen von Pathos, mit einem Direktor als Vorhang-Zieher, der die Bilder ansagt, mit naiven Spektakeln, wie der Pudelnummer aus dem Jahrmarktstheater, mit musikalischen Untermalungen zwischen Orgelrauschen und Rock-Anspielung. Mit Figuren, die kostümiert und maskiert sind als wären sie dem alten Volksbuch vom Doktor Faust entsprungen. Wie in der Musik aktuell, ist es gewissermaßen ein Schau-Spiel in historisch informierter Aufführungspraxis. Das korrespondiert mit der historischen Aura der wieder erstanden Kirche; problematisch nur der Hall der Mikroport-Stimmen.

Sascha Gluth führt den Faust knarzend als gefrusteten, tapsenden Geistesveteranen ein, der „Rücken hat“, wandelt ihn zum smarten Aufreißer, der mit Weltmann-Allüre den Teufel kommandieren will, findet zu lyrischer Emotion bei Gretchen und stürzt in die Verzweiflung. Schillernd ist Mario Ramos als Mephisto: intellektueller Ironiker, lässig-überlegener Verführer, glänzt als Anti-Held. Ein vielfarbiges Ensemble umrahmt die Auseinandersetzung der zum Desaster Verbündeten.

Die „Fack ju Göhte“-Generation mag dieses Spiel irritieren, die Erwachsenen, die sich einen Sinn fürs Märchenhafte bewahrt haben, kann es berühren.

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