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Fortsetzungsroman : Die Suche nach dem kleinen Glück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine junge Frau versucht im Krieg ihre Träume zu verwirklichen. Stephan Bliemels „Die Tür des offenen Tages“ exklusiv als Fortsetzungsroman

von
erstellt am 03.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Behutsam zieht Stephan Bliemel das stark vergilbte Papier aus der Folie. Drei Seiten, fein säuberlich mit der Schreibmaschine getippt, geschmückt durch die Überschrift „Der Tarzanbaum“. „Meine Großmutter hat in den 60er- und 70er-Jahren ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben.“ Manchmal umfassen die Texte lediglich eine halbe, ein anderes Mal sind sie zehn Seiten stark. Johanna Bliemel dokumentiert darin Erlebnisse aus ihrer Kindheit in der Weimarer Republik, ordnet ihre Gedanken zum Zweiten Weltkrieg, schildert bildhaft Ereignisse aus der Nachkriegszeit – auf insgesamt 500 Blättern. „Als meine Großmutter starb, bin ich in ihrem Nachlass zufällig auf die Manuskripte gestoßen. Was sie dort hinterlassen hat, ist ein wahrer Schatz.“ Erst Recht für einen Autoren wie Stephan Bliemel. Die Dokumente wurden zur Grundlage seines neuen Werkes „Die Tür des offenen Tages“.

Im Mittelpunkt steht Martha, ein junges Mädchen mit großen Träumen. Sie will lernen, leben, lieben, sehnt sich nach dem kleinen Glück in einer Zeit des großen Unglücks, in der es vor allem um eines geht: ums Überleben. Martha Schoev, Jahrgang 1920, ist in Stettin geboren, verbringt ihre Jugend in der Großstadt, bis sie der Krieg von dort vertreibt.

Von Samstag an veröffentlichen wir Stephan Bliemels „Die Tür des offenen Tages“ als exklusiven Fortsetzungsroman. Sie finden täglich einen Teil auf der Kulturseite Ihrer Heimatzeitung oder im ePaper.

Obwohl auch Johanna Bliemel 1920 geboren wurde, habe sich der Enkel im Laufe seiner Recherchen zunehmend Abstand von der Biografie seiner Oma genommen. Er sei mehrfach nach Stettin gefahren, habe sich die Entwicklung der Stadt angeschaut, die Atmosphäre aufgesaugt. „Die Stadt ist mit dem Versuch wieder aufgebaut worden, das Deutsche auszuradieren. Viele Polen, die dort von null anfingen, wurden im Vorfeld selbst vertrieben. Aber die junge Generation ist begierig auf die Geschichte vor 1945.“

Martha Schoev landet in Crivitz, einem Ackerbürgerstädtchen, das vom Krieg weitestgehend verschont blieb – offensichtlich wird das Geschehene erst, als der Todesmarsch durch die Ortschaft zieht und als die Flüchtlinge kommen. Die Familie will zurück nach Stettin – zu Fuß, im Hochsommer. Am Ende startet Martha ihren Neuanfang in Schwerin. „Martha ist eine junge Frau, die an ihren Vorstellungen vom Leben festhält, obwohl die Realität das nicht zulässt. Immer wieder wird sie zum Spielball der Dinge. Dennoch findet sie die Kraft weiterzumachen. Das macht sie zu einer beeindruckenden, starken Frau“, beschreibt Stephan Bliemel seine Protagonistin.

Fortsetzungsroman wiederbelebt

In der Vergangenheit gehörten Fortsetzungsromane zum Erscheinungsbild von Tageszeitungen wie heute noch das Wetter, Horoskope oder das Fernsehprogramm. Viele Jahre publizierten Schriftsteller auf diesem Weg erstmals ihre Werke. Zu den bekanntesten gehören Charles Dickens „Oliver Twist“, Carlo Collodis „Pinocchio“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.

Wir wollen dem Fortsetzungsroman eine neue Chance geben und ihn wieder zum Leben erwecken. Dazu haben wir uns mit einem Autoren aus der Region zusammengeschlossen. Stephan Bliemel wurde 1978 in Schwerin geboren und lebt mittlerweile, nach einem Zwischenstopp in Hamburg, im mecklenburgischen Banzkow. In den kommenden Wochen wird seine Erzählung „Die Tür des offenen Tages“ in Fortsetzungen täglich auf der Kulturseite veröffentlicht. Am 6. April laden wir Sie darüber hinaus zu einer Autorenlesung ein. Bis dahin freuen wir uns über Ihr Feedback. Schicken Sie uns Ihre Gedanken zu dem Roman per Mail an redaktion@medienhausnord.de oder per Post an Medienhaus Nord, Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin.

Mit „Die Tür des offenen Tages“ taucht der Autor in die Welt der Menschen ein, die während des Krieges weder Opfer noch Täter waren, die versucht haben, in einem Alltag, der nach Tod roch, zu überleben. „Meine Oma hat sich viel mit der Geschichte beschäftigt, mit ihrer Geschichte. Sie hat sich auch selbst die Schuldfrage gestellt. War sie mitverantwortlich für das, was passierte? Ich will die Geschichte erzählen, ohne den Zeigefinger zu erheben“, erklärt Bliemel.

Großmutter Johanna sei nie ambitioniert gewesen, Schriftstellerin zu werden. Sie schrieb, weil es ihr gefiel. Sie liebte Bücher, übertrug ihre Leidenschaft für Literatur auf ihren Enkel, sodass dieser bereits im Alter von elf Jahren Michail Scholochows „Der stille Don“ las. Deutsch wurde Stephan Bliemels Lieblingsfach. Als er 17 war, schrieb er seine ersten Geschichten. Später studierte er in Hamburg Germanistik und Geschichte. Wenn er an einem Projekt arbeitet, folge er einem inneren Kompass. „Ob etwas relevant ist, hat nichts damit zu tun, wo die Geschichte spielt, sondern wie der Stoff verarbeitet wird“, erklärt Bliemel. „Es kann gar nicht provinziell genug sein, um über Menschen zu schreiben.“ Kein Satz aus den Manuskripten der Oma wurde eins zu eins für „Die Tür des offenen Tages“ übernommen. „Der Inhalt könnte auch auf 800 Seiten erzählt werden. Ich habe mich aber bewusst dafür entschieden, verdichtet zu schreiben und den Leser mit Sprüngen zwischen den Zeitebenen zu fordern.“ Die Leser erlebt die Geschichte allein aus Marthas Perspektive. Auch der Titel des Buches orientiert sich an einer Szene aus Marthas Gedächtnis: Sie träumt, dass sie in einem Bombenkeller sitzt, als in ihr das unaufhaltsame Verlangen ausbricht, ins Licht zu gehen. Doch sie wird zurückgehalten. „Das Leben liegt vor ihr, doch es ist nicht leicht und unbeschwert. Welchen Weg geht sie?“, fragt Bliemel.

 

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