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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 00:35 Uhr

Die Stunde der Knochenbrüche

vom

svz.de von
erstellt am 06.Jan.2011 | 10:07 Uhr

Schwerin | Die Erleichterung hat nicht lange vorgehalten. Der morgendlichen Unwetterwarnung zum Trotz hatte sich die junge Schwerinerin auf den Weg zur Berufsschule gemacht, war ausgerutscht und auf den Hinterkopf gefallen. Sie setzte ihre Rutschpartie fort. In der ersten Stunde wurde ihr schlecht und schwarz vor Augen, sie wurde mit Verdacht auf Gehirnerschütterung in die Helioskliniken Schwerin gebracht und musste bleiben. "Zur Beobachtung", wie Krankenhaussprecherin Dr. Grit Czapla auf Anfrage erklärte.

Allein zehn Glätte-Opfer waren zwischen 7.30 und 8.30 Uhr in der zentralen Notfallaufnahme von Helios eingetroffen. "Überwiegend Frakturen von Schulter, Unterarm oder Oberschenkelhals." Bis 10 Uhr stieg die Zahl der Bruch-Verletzten auf 16, etwa die Hälfte musste operiert werden.

In der Parchimer Asklepios-Klinik „hatten alle Schwestern voll zu tun“, beschrieb Geschäftsführer Johann Bachmeyer am Vormittag die Lage. Bedingt durch Stürze, „können wir uns vor Prellungen, Kopfplatzwunden und Knochenbrüchen kaum retten. Die Hütte brennt!“

Ruhiger ging es im Plauer Klinikum zu. „Die Menschen waren offenbar vorgewarnt und deshalb besonders vorsichtig“, so Angela Olinger als Leiterin der Unfallchirurgie. Im Crivitzer Krankenhaus wunderte sich die Aufnahmeschwester der Notfallambulanz, dass Normalität herrschte: „Die Straßen sind spiegelblank und die Leute bleiben deshalb wohl lieber zu Hause.“

Die Gefahr, die von den infolge des Eisregens spiegelglatten Straßen und Gehwegen gestern früh ausging, zeigte sich auch im Andrang in den Notaufnahmen der Prignitzer Krankenhäuser. „Wir haben heute früh deutlich mehr Patienten gehabt als in den Tagen zuvor“, bestätigt Dagmar Schönhardt, Ärztin in der Notaufnahme des KMG-Klinikums in Pritzwalk. „Vor allem Verletzungen der oberen Extremitäten, also an Armen und Händen, mussten wir behandeln.“ Die meisten Stürze seien allerdings glimpflich ausgegangen. „Brüche gab es nur wenige, dafür viele Prellungen und Stauchungen“, so die Ärztin. Zudem mussten einige Kopfplatzwunden versorgt werden.

Im Kreiskrankenhaus Prignitz in Perleberg verlief der Morgen ähnlich. „Wir hatten deutlich mehr zu tun als in den vergangenen Tagen, vor allem klassische Sturzverletzungen“, berichtet die diensthabende Chirurgin Katja Wilke. Im Gegensatz zu den Pritzwalker Kollegen habe man in der Kreisstadt neben harmloseren Blessuren aber auch viele Brüche versorgen müssen.

Auch im DRK-Krankenhaus in Grevesmühlen verzeichnete die Unfall- bzw. Trauma-Chirurgie eine erhöhte Inanspruchnahme als sonst.

Schnee, Schneeregen und Regen auf vereistem Boden hatten gestern Vormittag nicht nur den Dienstplan von Krankenhäusern im Land durcheinander gebracht. Das Bildungsministerium musste auf den Segen der Sternsinger verzichten. "Die Wege sind zu glatt", hieß es bei der Absage der angekündigten Kindergartenkinder. Auch in den Schulen blieben etliche Plätze leer, da der Busverkehr landesweit durch Ausfälle und Verspätungen behindert wurde. Vielerorts fiel darum der Unterricht aus.

Insgesamt ereigneten sich im Land allein am Morgen mehr als 70 glättebedingte Autounfälle. Besonders betroffen waren die Regionen Nordwestmecklenburg und Rostock. Der Deutsche Wetterdienst hatte bereits am frühen Morgen eine Unwetterwarnung für ganz Mecklenburg-Vorpommern herausgegeben. Sie galt bis zum Mittag. Regen und Schnee sollten das Land demnach von West nach Ost überziehen.

Im Berufsverkehr zwischen 5 und 8 Uhr ereigneten sich allein in der Region Nordwestmecklenburg 28 Glätteunfälle, wie ein Polizeisprecher in Schwerin am Mittag bilanzierte. Auf der Autobahn 24 wurden Fahrer von Gefahrguttransporten aufgefordert, die nächste Raststätte anzusteuern. Auf der Autobahn 24 kam zwischen Ludwigslust und Hagenow ein Lkw ins Schleudern, der mehrere Pkw geladen hatte. Die Autobahn musste wegen Bergungsarbeiten stundenlang gesperrt werden. Die übrigen Unfälle in der Region verliefen den Angaben zufolge glimpflich, es blieb bei Blechschäden an den Fahrzeugen und kleineren Blessuren bei Fahrern und Mitfahrern. In Klütz (Landkreis Nordwestmecklenburg) geriet ein Lkw ins Rutschen und rammte ein Wohnhaus. Dabei wurde die Fassade beschädigt, verletzt wurde jedoch niemand.

Die Polizei in Rostock registrierte bis zum späten Morgen 25 Glätteunfälle, verletzt wurde niemand. Insbesondere die Autobahnen 19 und 20 waren von der überfrierenden Nässe betroffen, sagte eine Sprecherin. Sie kritisierte, dass viele Lasterfahrer die Warnung im Verkehrsfunk und die Aufforderung, Rastplätze anzusteuern missachtet hatten. Viele Lkw seien nach Beobachtung der Polizei mit unverminderter Geschwindigkeit unterwegs gewesen.

Auch in Nordvorpommern sorgte der Regen für glatte Straßen, es kam dort am Morgen zu insgesamt 15 Unfällen. Dabei wurde eine Frau leicht verletzt, sagte ein Sprecher der Polizei Stralsund. In Neubrandenburg und Anklam blieb die Situation mit je nur drei Glätteunfällen bislang relativ entspannt. "Zu uns kommt das Regengebiet erst noch, wir sind vorbereitet und warten ab", sagte ein Sprecher der Anklamer Polizeidirektion am frühen Nachmittag.

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