Gefährlicher Funk in Schwerin? : „Die Strahlen machen mich krank“

Wenn ihr die Strahlenbelastung in ihrer Wohnung zu stark wird, flüchtet sich Marie Dreier nach draußen.
Foto:
Wenn ihr die Strahlenbelastung in ihrer Wohnung zu stark wird, flüchtet sich Marie Dreier nach draußen.

Marie Dreier aus Schwerin sagt, sie sei elektrosensibel. Mehrmals hatte sie Anfälle, Schuld seien Funkheizungszähler in ihrem Wohnblock

von
28. Juni 2016, 12:00 Uhr

Plötzlich war die Welt für Marie Dreier verschwommen. Von einem Moment auf den nächsten konnte sie nur noch Umrisse erkennen. Ein Schock für die Schweriner Rentnerin. Sie kam ins Krankenhaus. Bluthochdruck, Schwindel, Herzrasen wurden festgestellt. Die Beschwerden gingen. Die Ursache blieb unklar. Viermal hatte Dreier ähnliche Anfälle. Dann kam ihr ein übler Verdacht: Waren an ihren gesundheitlichen Problemen die neuen Funkheizungszähler in ihrer Wohnung Schuld?

„Als die Geräte eingebaut wurden, hatte ich gleich das Gefühl, dass da etwas in der Wohnung ist, was da nicht hingehört“, meint Dreier. An allen fünf Heizkörpern in ihrer Dreiraumwohnung der Schweriner Wohungsbaugenossenschaft (SWG) seien die sogenannten Funkheizkostenverteiler der Firma techem eingebaut wurden. „Dass es sich dabei um Funksender handelt, hat mir niemand gesagt“, meint die 83-Jährige. Dann gingen die Probleme los.

Am schlimmsten sei es beim Fernsehgucken. „Mein Mann und ich haben immer Fußball geschaut“, sagt Dreier. „Einmal bin ich eingenickt und als ich wieder aufwachte, konnte ich nichts mehr sehen.“ Dreier rief ihren Mann um Hilfe. Etwa zwei Stunden hielt der Zustand an. Die Rentnerin dachte erst an einen Zufall. „Beim dritten Mal hat mich ein Notarzt auf die Funkgeräte hingewiesen“, erinnert sich Dreier. Schließlich engagierte die 83-Jährige den Sachverständigen für Erdstrahlung und Elektrosmog Torsten Mey aus Lübeck. Der Baubiologe bestätigte die hohe Strahlenbelastung durch die Heizungsfunkgeräte.

Er kenne das Problem. Vorwiegend werden die Systeme in Mehrparteienwohnhäusern installiert. Das Ablesen funktioniere dann über Funk. Niemand müsse mehr die Wohnung betreten. Das Problem: Die Geräte übertrügen den Heizungsstand nicht jährlich oder gar wöchentlich, sondern wahrscheinlich rund um die Uhr. 24 Stunden am Tag zusätzliche Bestrahlung gehen davon aus, meint Mey. „Man riecht es nicht, man hört oder schmeckt es nicht. Deshalb nehmen viele das Thema nicht ernst. Es ist aber da.“

Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Elektrosmog. Die Zahl seiner Kunden sei in den vergangen Jahren stätig gestiegen. Viele kämen mit Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung seien elektrosensible Menschen, schätzt er. Während andere auf Hausstaub reagieren, würden bei ihnen Handys, WLAN-Router und Funkgeräte die Anfälle auslösen.

Ob überhaupt und wenn ja welche Auswirkung Elektrosmog wirklich auf die Gesundheit hat, darüber sind sich die Wissenschaftler noch immer uneins. Einige behaupten, dass die Strahlen Einfluss auf die Produktion des Hormons Melatonin – auch Schlafhormon genannt – habe. Dieses ist für die körpereigenen Regenerationsmechanismen zuständig. „Ich empfehle, Elektrogeräte nur zu nutzen, wenn es sein muss und sie ansonsten komplett abzuschalten“, so Mey. Vor allem nachts sollte alles vom Strom getrennt werden.

Doch bei ihren Funkheizungsgeräten hat Marie Dreier keine Wahl. „Keiner im Haus weiß, was die mit uns machen“, meint sie. Die ersten Geräte ließ die SWG bereits 2010 einbauen, sagt Vorstandsvorsitzende Margitta Schumann. Inzwischen seien fast alle Wohnungen mit den Funkabzählern ausgestattet. „Das ist der aktuelle Stand der Technik“, sagt sie. Alle 14 Tage könnten nun die Daten abgefragt werden. „So kann der Verbrauch genau nachvollzogen werden. Für uns ist das eine gute Sache und für die Mieter auch.“ Weitere Beschwerden hätte es bisher nicht gegeben. „Nach meinem Kenntnisstand sind die Geräte so niedrig gepolt, dass sie keine Probleme geben dürfte.“

Die Firma techem selbst schreibt auf ihrer Website: „Betrachtet man die über ein Jahr abgegebene Sendeenergie in einer durchschnittlichen mit Funksystem ausgestatteten Wohnung, so entspricht diese in etwa der Sendeenergie, welche bei einem 5-6 minütigen Telefongespräch mit einem Mobiltelefon freigesetzt wird.“

Für Dreier ist das zu viel. Lange hätte sich die SWG gegen den Ausbau der Geräte gesperrt. „Ich wohne hier seit 54 Jahren. Und solange ich Miete zahle, kann ich doch bestimmen, was hier hineinkommt und was nicht“, meint sie. Inzwischen wurden die Geräte entfernt. Die Probleme blieben.

„In den Wohnungen rund herum wird ja weiter gefunkt und die Strahlen gehen durch die Wände.“ Sie habe nachgezählt. 180 Geräte müssten es allein in ihrem Block sein.

„Mein Mann ist an einem Gehirntumor gestorben. Ich denke schon, dass der von den Strahlen kam. Ich möchte nicht auch so sterben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen