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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 16:45 Uhr

Die stille Invasion

vom

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2013 | 06:22 Uhr

Wenn es nach der Europäischen Gottesanbeterin (Mantis religiosa) ginge, dürfte es ruhig noch wärmer in Deutschland werden, gerne auch trockener. Dann nämlich könnte die bis zu 7,5 Zentimeter lange Fangschrecke ihren Lebensraum hierzulande noch weiter ausdehnen als bisher. Längst kommt das ursprünglich aus Afrika stammende Insekt nicht mehr nur am warmen Kaiserstuhl oder dem Isteiner Klotz im südlichen Oberrheingraben vor, sondern ist auch in der Fränkischen Schweiz, im rheinland-pfälzischen Bienwald, im Raum Trier und stellenweise im Saarland sowie in Hessen gesichtet worden.

Die zartgrüne bis braune Gottesanbeterin gehört nämlich zu den Profiteuren des Klimawandels, sie expandiert entlang dafür geeigneter Bahnen. Nord-Süd-Korridore wie das Rhône-Tal, die burgundische Pforte und der Oberrheingraben ebnen wärmeliebenden Tieren und Pflanzen seit jeher den Weg vom Mittelmeer in nördlichere Gefilde - und würden ihnen beim Anbrechen einer neuerlichen Kaltzeit rechtzeitig auch wieder den Rückzug erlauben. So war es schon immer, so geschieht es von Natur aus, und schon deshalb kann Beate Jessel gar nichts dagegen haben, dass die - zumal bei uns seltene - Fangschrecke sich ausbreitet. "Expansion, Einwanderung und Rückkehr von Arten bereichern unsere biologische Vielfalt", sagt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Das Kommen und Gehen zeuge "von einer natürlichen Dynamik der Fauna und Flora" und sei im Grundsatz "aus Sicht des Naturschutzes zu begrüßen und gegebenenfalls auch zu unterstützen".

Natur ist eben nicht statisch. Tiere und Pflanzen verlagern ständig ihre Verbreitungsgrenzen, erobern Neuland oder ziehen sich aus für sie ungünstig gewordenen Lebensräumen zurück. Nur auf diese Weise, und zwar schwimmend durch Oder und Neiße, ist zum Beispiel der Wolf wieder aus Polen nach Deutschland eingewandert und versucht es obendrein aus den Westalpen, wie der im vergangenen April im Westerwald erschossene Wolf bewiesen hat. Inzwischen leben wieder 19 Rudel mit 100 bis 120 Wölfen in Mecklenburg-Vorpommern Sachsen und Brandenburg, und es dürften mehr werden, wenn der Mensch es zulässt und seine Rotkäppchen-Angst abzuwerfen bereit ist.

Problematisch hingegen können gezielt oder beiläufig eingeschleppte Arten sein. Inzwischen haben sich in Deutschland mehr als 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten (sogenannte Neozoen und Neophyten) fest etablieren können. Das Stichjahr der Zählung ist hierbei 1492, als Kolumbus - 500 Jahre nach den Wikingern - auf Amerika stieß. Denn seither, vor allem aber im 20. Jahrhundert, hat sich der Welthandel deutlich intensiviert, wodurch Tiere und Pflanzen viel leichter auch in ferne Erdregionen übersiedeln können. Geht man noch weiter zurück, nämlich in die Römerzeit, kommen noch einmal etwa 250 Arten hinzu. So hatten die Römer, neben etlichen anderen Pflanzen, die Esskastanie im Reisegepäck, weil sie auch nördlich der Alpen nicht auf die schmackhaften Maronen verzichten wollten. Da es rund 78 000 heimische Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gibt, machen die gebietsfremden Neubürger gerade einmal ein starkes Prozent aller bei uns vorkommenden Arten aus.

Zum Leidwesen der BfN-Präsidentin ist das Bild von Tier- und Pflanzenarten, die in jüngerer Zeit neu in Deutschland aufgetreten sind, sehr holzschnittartig. Oft werde pauschal von fremdartigen, exotischen oder gar gefährlichen Einwanderern gesprochen, was aus mehreren Gründen falsch ist. Denn erstens sind eben längst nicht alle neuen Arten in Deutschland naturräumlich fremd, sondern lebten zu anderen Zeiten schon einmal oder gar mehrfach hier, vor allem im Rhythmus der Kalt- und Warmzeiten des Eiszeitalters. Zweitens wandern aus ökologischer Sicht wirklich gefährliche ("invasive") Arten in der Regel nicht von selber ein, sondern werden ungewollt in Containern, Schiffs-Ballastwasser oder Bananenstauden eingeschleppt. Oder die Einfuhr geschieht absichtlich wie beim weitverbreiteten Waschbär und beim Amerikanischen Ochsenfrosch (Rana catesbeiana), der in Altrheinarmen am Oberrhein lebt und mit großen Appetit alles passende Kleingetier verschlingt.

Oft sollten die aus ihren Herkunftsländern eingeschleppten Tiere gar nicht in die freie Wildbahn Deutschlands ausgesetzt werden, sind dann aber doch aus ihren Gehegen entkommen, so etwa die etwa 7000 exotisch krächzenden Afrikanisch-Indischen Halsbandsittiche am Mittel- und Niederrhein, die Spechten, Fledermäusen und Dohlen die Nisthöhlen streitig machen. Nicht selten auch werden bei uns nicht heimische Amphibien, Reptilien oder Fische von gelangweilten oder überforderten Aquarien- und Terrarien-Besitzern irgendwann ausgesetzt oder in die Toilette gespült.

Wirklich gefährlich für die hiesigen Ökosysteme ist zum Glück nur der geringere Teil der tierischen und pflanzlichen Neubürger: So hält das BfN von den 432 etablierten gebietsfremden Gefäßpflanzen immerhin 373 Arten für unauffällig, 26 für möglicherweise und 33 Arten für nachweislich invasiv - so etwa einen kleinen Bestand des Amerikanischen Heusenkrautes am niedersächsischen Flüsschen Leda, der mitsamt den Wurzeln ausgerottet werden soll, weil das in diesem Fall ausnahmsweise noch gelingen könnte.

Von den 44 bereits etablierten gebietsfremden Wirbeltieren gelten 15 Arten als unauffällig, weshalb das BfN dazu rät, sie hierzulande als Neubürger zu dulden. Hingegen seien 18 Arten potenziell invasiv und stünden deshalb unter Beobachtung. Nur 11 der 44 neuartigen Wirbeltiere in Deutschland gelten bereits als bedrohlich und sollten nach Möglichkeit zurückgedrängt werden. So lebt heute bereits an der Ostseeküste sowie seit 2008 im Rhein und seinen Nebenflüssen die aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer stammende Schwarzmundgrundel, ein Fisch, der durch den Rhein-Main-Donau-Kanal zu uns eingeschwommen ist und sich als sehr konkurrenzstark erweist. Zu beseitigen ist die Grundel nicht mehr; allenfalls lässt sich der Nachschub erschweren, zum Beispiel durch abschreckende elektrische Felder oder irritierende Schleier von Wasserblasen im Rhein-Main-Donau-Kanal. Insgesamt leben im Rhein und seinen Zuflüssen bereits etwa 20 verschiedene Fisch- und Krebsarten aus dem Schwarzen Meer.

Manche Tierarten, die früher bei uns heimisch waren und dann ausstarben oder ausgerottet wurden, versuchen Artenschützer gezielt wieder anzusiedeln, so etwa seit 2008 den Europäischen Stör an der Elbe. Aber auch Biber oder Uhu wurden an geeigneten Plätzen wieder ausgesetzt und haben sich dort erfolgreich neu etabliert, wo sie früher von Natur aus vorkamen, so etwa in der Eifel.

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