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Mecklenburg-Vorpommern

18. August 2017 | 18:26 Uhr

Die stille Gewalt im Amateurfußball

vom

Schwerin | Bengalische Feuer, Schläge und Gewalt: In der höchsten Spielklasse des deutschen Fußballs geht es derzeit hoch her. Bereits seit Monaten gibt es in der Fußballbundesliga ein Plus an Fankriminalität. Viele Diskussionen inklusive.

Schon Jahre vor den aktuellen Debatten um Gewalt in den höheren Spielklassen gab es zahlreiche Vorfälle im Amateurfußball. Immer wieder auch in Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings hat sich die Situation mittlerweile - anders als im Profifußball - laut Landesinnenministerium entspannt. "Pro Saison werden im Land über 20 000 Fußballspiele bestritten, doch in dieser Saison gab es im Amateurfußball bisher keinerlei Vorkommnisse, bei denen ein größerer Polizeieinsatz nötig gewesen wäre", so Sprecherin Marion Schlender. Von einer Verlagerung der Gewalt aus den oberen Ligen in den Amateurfußball könne keine Rede sein. "Das ist eine Befürchtung, die es immer wieder gibt, die bisher aber glücklicherweise nicht zu erkennen ist", so Schlender.

Eine Entspannung der Situation erkennt auch Holger Fuchs, Geschäftsführer des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV). "In der Oberliga Nord hatten wir mal deutlich mehr Probleme, das hat sich stark verbessert", so Fuchs. Er gesteht aber ein, dass es immer wieder vereinzelte Vorfälle gebe. Auf Fußballplätzen etwa im Berliner Raum herrsche derzeit allerdings ein sehr viel größeres Gewaltpotenzial. Spielabbrüche im Amateurbereich sind dort an der Tagesordnung.

Mit weniger Gewalt ging es im MV-Amateurbereich vielleicht aber auch deshalb zu, weil Spiele aus Angst vor Gewalt abgesagt wurden. Die beiden Siebtligavereine SG 03 Ludwigslust und SV Blau-Weiß Polz etwa traten im April kurzerhand nicht gegeneinander an. Die Verantwortlichen hatten damals Angst vor Ausschreitungen. Im Vorfeld der Partie hatte sich abgezeichnet, dass es gewaltbereite Zuschauer geben könnte. Ein massives Polizeiaufgebot hatte schon das Hinspiel im Vorjahr absichern müssen.

Auch die Gewalt gegen Schiedsrichter soll laut Landesfußballverband kein großes Thema in Mecklenburg-Vorpommern sein. Doch auch hier gibt es Beispiele für Handgreiflichkeiten: Ende August brach ein Schiedsrichter die Partie zwischen dem SG Roggendorf und Dynamo Schwerin ab, weil ein Dynamo-Anhänger einen Linienrichter bedrängt hatte. "Das sind allerdings Einzelfälle, ein flächendeckendes Problem ist das nicht", wiegelt Dieter Setzkorn, Schiedsrichterobmann des Landesfußballverbandes ab.

Doch ganz so vereinzelt, wie der Landesfußballverband es darstellt, sind die Vorfälle dann doch nicht. Erst vor zwei Wochen hatten Fans beim Heimspiel des FC Schönberg 95 gegen den FC Anker Wismar II Bengalische Feuer entzündet. Eher unüblich in der achten Liga. Der Verein rief die Polizei zur Hilfe, die Beamten nahmen Personalien auf. Der Landesfußballverband denkt in diesem Fall über Sanktionen nach. Die Frage, die im Raum steht: Wann ist ein Einzelfall ein Einzelfall?

Zu einem Höhepunkt der Gewalt war es vor allem in den Jahren 2007 und 2008 gekommen. Fans prügelten sich gegenseitig, attackierten Schiedsrichter und Spieler. Immer wieder mussten Spiele abgesagt werden. Traf der TSV Bützow auf SG Dynamo Schwerin, so konnte man die Uhr nach den fliegenden Fäusten stellen. Eine andere Partie mit Gewaltexzessen: FC Schönberg 95 gegen 1. FC Lokomotive Leipzig. Hier gab es im Juni 2008 massive Gewalt unter den rivalisierenden Fans.

Nach den Problemen gingen Polizei und Politik neue Wege in der Prävention. Seitdem gibt es eine Konzeption der Landespolizei zur Verhinderung von Gewalt bei Amateurfußballspielen. Damit soll die Zusammenarbeit von Vereinen, Verkehrsbetrieben, Behörden und Polizei verbessert werden. Beamte, die sich in der Amateurfußballszene auskennen, bemühen sich, die Kommunikation mit den Vereinen zu verbessern. Der Landesrat für Kriminalitätsvorbeugung entwickelte das Konzept "Gegen Gewalt und Rassismus im Amateurfußball".

Auch wenn die Bemühungen offenbar zu einer Abnahme der Gewalt rund um die Amateurfußballplätze geführt haben, hat sich die Situation noch immer nicht gänzlich beruhigt. Handfeste Auseinandersetzungen bleiben ein Thema. Das weiß auch Innenminister Lorenz Caffier. Für ihn ist das Thema Gewalt im Fußball seit Jahren ein Dauerbrenner. "Das ist kein polizeiliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem", warnt Caffier. Der Innenminister unterstützt deshalb Pläne, Alkohol im Nahverkehr zu verbieten.

Während sich die Situation im Amateurfußball ansatzweise verbessert hat, bleibt der Zweitligafußball im Land ein Sorgenkind. Denn bei einigen Anhängern des FC Hansa Rostock ist von einem Rückgang der Gewalt nichts zu spüren. In Rostock hat die Polizei bei Heimspielen der Mannschaft regelmäßig alle Hände voll zu tun. Bis zu 2000 Beamte sichern die Heimspiele des Vereins ab. "Die Zahl der eingesetzten Kräfte variiert allerdings stark, je nachdem, ob es sich um Spiele mit erhöhtem Risiko handelt oder nicht", sagt Polizeihauptkommissarin Yvonne Hanske.

In der abgelaufenen Saison registrierte die Polizei 151 Straftaten bei Hansa-Heimspielen. Auch für die aktuelle Saison gibt es schon einen Trend: Laut Polizei steigt die Zahl Straftaten. Kein Wunder nach den Vorfällen etwa beim Heimspiel gegen den FC St. Pauli. Das Spiel hatte unterbrochen werden müssen, zehn Menschen verletzten sich, gegen 33 Randalierer wurden Verfahren eingeleitet. Auch die Vereinsführung wirkte nach dem Spiel hilflos, bat um Hilfe. Eines ist sicher: Eine entspannte Situation sieht anders aus.

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erstellt am 01.Dez.2011 | 09:50 Uhr

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