„IM Katrin Brandt" : Die Stasi-Familie der Polit-Punkerin

„Ich war ein reines Nutzobjekt“: Angela Marquardt
„Ich war ein reines Nutzobjekt“: Angela Marquardt

Mit 15 wird spätere PDS-Vize Angela Marquardt zur „IM Katrin Brandt“ / Doppelter Missbrauch in Greifswald / Debatte um Kinder-Spitzel

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06. März 2015, 11:50 Uhr

Es ist nur ein kariertes Stück Papier. In wackeliger Kinder-Handschrift lautet der erste Satz: „Ich Angela Marquardt verpflichte mich freiwillig, das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen.“ Und weiter: „Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden.“ Sie wird zur „IM Katrin Brandt“.

Nach dem Mauerfall macht Marquardt als „Polit-Punkerin“ von sich reden, startet als junge Frau eine Karriere in der PDS, wird Vizechefin – aber ihre Geheimnisse sollten sie bald einholen.

Geschrieben hat Marquardt die Stasi-Verpflichtungserklärung mit 15 Jahren, am 3. April 1987. „Der doppelte Missbrauch – erst durch meinen Stiefvater, dann durch die Stasi – hat mir lange das Leben schwer gemacht“, betont die heute 43-Jährige in ihrem mit der Journalistin Miriam Hollstein geschriebenen, bewegenden Buch „Vater, Mutter Stasi“. Es ist seit gestern im Buchhandel.

Für sie ist das Aufschreiben eine „persönliche Befreiung“, sagt sie bei einem Treffen im Bundestag. Sie macht gleich klar, über Kapitel 3 „Das Geheimnis“ wird sie nicht reden. Darin geht es um ihren Stiefvater. Nachdem schon ihr Vater sie quälte und zum Beispiel ihre Hand auf die kochend heiße Waschmaschine presste.

Als sie neun war, nahm Michael, der neue Freund der Mutter, sie mit dem Motorrad mit nach Rügen. Sie durfte im Beiwagen sitzen, was sie cool fand. „Auf Rügen mietete er in einer Pension ein Doppelzimmer. Dort missbrauchte er mich. Ich weinte nicht. Ich erzählte auch nichts meiner Mutter“, heißt es im Buch.

Das ging jahrelang daheim in Greifswald so weiter – wenn die Mutter nicht da war. Und es trat – für sie laut eigener Aussage völlig unbewusst – die Stasi in ihr Leben. „Das waren Menschen, die für mich als Freunde meiner Eltern bei uns ein- und ausgegangen waren.“ In den Akten der Unterlagenbehörde fand sie diese als Oberstleutnant, Hauptmann und Major wieder. Neben der Mutter war auch noch der Opa für die Stasi im Einsatz. Es wurden Berichte angefertigt, was sie über Mitschüler berichtete. Ziel war, sie bis zum Studium zum gewinnbringenden Spitzel aufzubauen.

Sie dachte lange, der Wunsch, Theologie zu studieren, sei ihr eigener gewesen. Bis sie verstand, dass sie durch Zureden ihres familiären Umfeldes dorthin gelenkt wurde. „Ich war ein reines Nutzobjekt, das benutzt wurde, um am Ende Spitzel an der theologischen Fakultät zu werden. Das ist unheimlich bitter“, bilanziert sie. Sie muss aber damit rechnen, dass ihre Erinnerungslücken zum Angriffspunkt werden.

 Ihr Buch ist auch der Versuch, eine Debatte über „Kinder-IM“ anzustoßen. Die Zahl wird auf 1300 geschätzt, im Buch ist sogar von einem 12-Jährigen die Rede: „IM Jüngling“. Und um mit dem seit 2002 Erlebten etwas abzuschließen.

12. Juni 2002: „Enttarnt: PDS-Star Marquardt war Stasi-IM“, titelte die „Bild“. Ihre „Täterakte“ war aufgetaucht. Im August kam mitten in der Sommerpause der Immunitätsausschuss des Bundestags zusammen, um über den IM-Fall zu beraten. Am Ende lautete das Ergebnis, dass eine wissentliche Zusammenarbeit „nicht zweifelsfrei nachgewiesen“ werden könne. „Erst später sollte ich begreifen, dass ich jenseits des formalen Aktes trotzdem lebenslänglich hatte.“ Bei einer Demo wurde sie mit den Worten „Ist das nicht die Stasi-Schlampe von der PDS?“ attackiert. Wenig später verpasste die PDS – heute Linkspartei – den Wiedereinzug in den Bundestag. Nach dem Parteitag in Gera brach sie mit der Partei. Sie lehnte die DDR radikal ab – und eckte damit zunehmend an. 2003 trat sie aus, beendete das Studium der Politologie.

Ab 2005 suchte sie verzweifelt einen Job. 2006 kam ein Anruf von Andrea Nahles, die sie schon länger kannte. Die SPD-Politikerin bot ihr eine Arbeit in ihrem Bundestagsbüro an – hier ist sie bis heute. Marquardt arbeitete am neuen Programm mit, 2008 trat sie in die SPD ein. Als Geschäftsführerin der „Denkfabrik“ organisiert sie zudem jenen rot-rot-grünen Zirkel (R2G), der jüngst eher im Spaß beschloss, Bausteine eines möglichen Koalitionsvertrags im Bund zu erarbeiten. Persönlich sieht sie die Relativierungsversuche bei einigen Linken als größtes Hindernis dafür. Es sei Quatsch zu meinen, die DDR sei nur „ein bisschen Unrechtsstaat gewesen“.

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