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Mecklenburg-Vorpommern

24. Oktober 2017 | 13:33 Uhr

Die Stadt nach Lea-Sophie

vom

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2012 | 10:15 Uhr

Schwerin | Auf einer Pressekonferenz zum Tod der kleinen Lea-Sophie sagte der damalige Oberbürgermeister Norbert Claussen: "Wir haben einfach Pech gehabt." Ein Satz, der einen Sturm der Entrüstung auslöste. Dass er sich sage und schreibe erst 76 Tage später für seine Aussage entschuldigte, konnte ihn nicht mehr retten. Auch sein spätes Eingeständnis, dass das Jugendamt Fehler gemacht habe, besänftigte die Schweriner nicht. Sie wählten ihn mit 29 000 Stimmen aus dem Amt. Angelika Gramkow wurde Oberbürgermeisterin.

Dabei war Claussen gar nicht direkt zuständig für das Jugendamt. Das war Herman Junghans, der Sozialdezernent. Einen Abwahlantrag in der Stadtvertretung konnte er aber überstehen, weil die CDU-Fraktion zu ihm hielt. So musste Claussen gehen und Junghans blieb zunächst im Amt. Allerdings bekam er neue Aufgaben. Die Zuständigkeit für das Jugendamt wurde ihm entzogen. Heute hat er die Stadtverwaltung längst verlassen. Und auch Norbert Claussen hat mit Verwaltung nichts mehr zu tun.

Die Stadtvertreter installierten nach dem "Fall" Lea-Sophie etwas, was es in der Kommunalpolitik eigentlich gar nicht gibt: Einen Untersuchungsausschuss. Der sollte die Tragödie aufarbeiten, sollte vor allem die "Schuldigen" benennen. Das Ergebnis waren oft heftige Vorwürfe gegen die Verwaltung und der Fraktionen untereinander. Es ging vor allem darum, Versäumnisse der Verwaltung und einzelner Akteure aufzuzeigen. Das deutschlandweite Medieninteresse war riesig. Die Diskussionen wurden von den Mitarbeitern des Jugendamtes aufmerksam verfolgt. "Emotional ist das nicht einfach für sie gewesen", weiß Sozialdezernent Niesen heute. Denn sie hörten vor allem eins: Vorwürfe. Doch sowohl die Verwaltungsspitze als auch die Stadtpolitik waren mit der Situation weitgehend überfordert. Erst als externe Hilfe durch Prof. Dr. Reinhart Wolff und Prof. Dr. Kay Biesel gegeben wurde , konnten die Sozialpädagogen an eine wirkliche Aufarbeitung gehen. Der neue Sozialdezernent Niesen kümmerte sich zudem um personelle, organisatorische und technische Verbesserungen.

Die Stadtvertreter, die im zeitweiligen Untersuchungsausschuss saßen, interessierten sich dagegen wenig für diesen Prozess. Kein Mitglied hat das Angebot angenommen, die Aufarbeitung gemeinsam mit dem Jugendamt und den beiden renommierten Professoren mitzugestalten.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes hatten schon immer einen hohen fachlichen Anspruch. Äußere Umstände und Überlastung machten es aber nicht leicht, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Heute ist das besser. "Aus den einzelnen Mitarbeitern ist ein Team geworden", so Dieter Niesen. Und im Team werden Fälle besprochen und Hilfen organisiert. Es gibt Familienkonferenzen, Mitarbeiter-Coaching. "Das Jugendamt leistet eine engagierte Arbeit, in einem stets lernenden System", sagt Dieter Niesen. Soll heißen: Das Jugendamt will sich täglich neuen Herausforderungen stellen

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