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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 07:43 Uhr

Die Sprache der Kindheit

vom

svz.de von
erstellt am 20.Mär.2012 | 09:19 Uhr

Greifswald | Anne hält eine kleine Stofftierente im Arm. "Dat is Emma", sagt die Sechsjährige und stellt sich mit den anderen Vorschulkindern der Greifswalder Kita "Lütt Matten" im Halbkreis auf. Die wissen schon, was nun als nächstes passiert. Jeder darf sich bei dem Lied auf Plattdeutsch ausdenken, "wat uns Emma allens kann". Ob "danzen" oder "lopen" - singend machen die Jungen und Mädchen alles nach und erfüllen den Text mit Leben.

"Mit Musik und Bewegung können die Kinder am besten lernen", weiß Erzieherin Andrea Miraß. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Angela Beyer kümmert sie sich in der Einrichtung besonders darum, dem Nachwuchs spielerisch Plattdeutsch zu vermitteln. Das gehört zum Konzept der Kita, die ihren Namen dem alten Kinderbuch "Lütt Matten und die weiße Muschel" verdankt. Wenn die beiden Erzieherinnen von ihren jüngsten Plattdeutsch-Projekten erzählen, dann glänzen ihre Augen. "Wir hatten im vergangenen Jahr eine Fortbildung, nach der haben wird richtig für die Idee geglüht", sagt Andrea Miraß.

"Plattinum"-Scheine werden angerechnet

Seit 2011 macht die Kita mit beim landesweiten Projekt "Niederdeutsch in der frühkindlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern". Die Stiftung Mecklenburg, das Bildungsministerium und das Institut für Qualitätsentwicklung haben die Initiative 2010 aus der Taufe gehoben, um das Erlernen der niederdeutschen Sprache auf natürliche Weise zu fördern. Das Vorhaben wird von den Universitäten in Greifswald und Rostock wissenschaftlich begleitet. 19 Einrichtungen sind beteiligt. Sie wurden unter anderem mit Materialboxen versorgt - darunter auch das Lied von Ente Emma. "Bislang gab es da kaum etwas für jüngere Kinder", sagt Andrea Miraß.

Ihre Kita profitiert außerdem von einer besonderen Unterstützung: Seit Sommer 2011 besuchen sieben Studenten der Universität Greifswald in regelmäßigen Abständen die lütten Plattsnacker, um ihnen Niederdeutsch nahezubringen. Die Idee hatte Dr. Birte Arendt vom Institut für Deutsche Philologie, Schwerpunkt Niederdeutsch. "Das ist für alle Beteiligten ein Gewinn", sagt die Wissenschaftlerin und zählt die Vorteile auf: Die Studenten können in der Praxis erproben, was bei der Sprachvermittlung geht und was nicht. Die Erzieherinnen erhalten frische Ideen und die Kinder lernen neue, junge Leute kennen und erleben, dass Platt auch von Jüngeren gesprochen wird.

Die Jüngeren - das sind Germanistikstudenten mit Schwerpunkt Niederdeutsch. Seit 2009 lässt sich Plattdeutsch an der Uni Greifswald so integrieren, dass die meisten Scheine rund um das liebevoll genannte "Plattinum" im Lehramtstudium Deutsch angerechnet werden. Seither ist das Interesse an der regionalen Sprache rasant gestiegen - waren früher maximal drei Studenten pro Semester dafür eingeschrieben, sind es derzeit 34.

Hochdeutsch klingt oft härter

Zwei der jungen Leute, die das Kita-Projekt mitgestalten, sind Mathias Hoffmann und Johanna Biedowicz. "Die Arbeit mit den Kindern ist gar keine richtige Arbeit", sagt Mathias Hoffmann. In einer freundlichen und kreativen Umgebung könne man ausprobieren, was theoretisch in den Büchern steht, so der 25-Jährige aus Raben-Steinfeld bei Schwerin. So haben die Studenten zunächst ein Kinderbuch ins Plattdeutsche übersetzt, den Jungen und Mädchen vorgelesen und als Erlebnis-Parcours inszeniert. Auf Grundlage eines kurzen Gedichts hat Johanna Biedowicz dann ein Theaterstück entwickelt, in dem die Kinder das Zahlen und Zählen auf Plattdeutsch lernen konnten. Die Arbeit in der Kita sei "erfrischend und aufregend", sagt die Studentin. "Durch das Projekt habe ich wieder gelernt, wie wichtig es ist, beim Lernen alle Sinne anzusprechen."

Bei den Kindern ist das längst angekommen. Wenn die Studenten den Raum betreten, werden sie selbstverständlich mit "Gauden Dag" begrüßt. Auch sonst wechseln die Kinder immer mal wieder ins Plattdeutsche. "Hätt de Büx vull" höre sich beispielsweise gleich etwas netter an als die hochdeutsche Version, meint Erzieherin Angela Beyer. Die Kinder würden das spüren und ihr Sprachempfinden schärfen.

"Das hat einen schönen Klang", meint die sechsjährige Anna wie zur Bestätigung auf die Frage, was ihr an Plattdeutsch gefällt. Ihre Freundin Anne fügt hinzu: "Die Sprache ist schön, ein bisschen anders."

Verbinden statt trennen

Inzwischen kann sie auch besser verstehen, was ihre Großeltern miteinander bereden. Deren Sprache der Kindheit wird nun zu ihrer eigenen. Das Projekt trägt damit dazu bei, dass der Faden zwischen den Generationen nicht abreißt. Eine Erfahrung, die Mathias Hoffmann so beschreibt: "Es erstaunt mich oftmals, wenn ich mit älteren Menschen ins Gespräch komme und ins Niederdeutsche umschwenke, wie sich die Vertrautheit und auch die Offenheit ändert."

Niederdeutsch trennt nicht mehr, es verbindet. Noch vor Jahren sei es eher unpopulär gewesen, Plattdeutsch zu sprechen, erinnert sich Andrea Miraß. Das sei jetzt anders. Niederdeutsch ist in Mecklenburg und Vorpommern die identitätsstiftende Sprache der Region, die auch durch die Europäische Charta zum Schutz der Regional- und Minderheitensprachen gefördert wird. Sie ist in der Familie präsent, in den Medien und der Kulturszene. Die Landesregierung hat sich dafür ausgesprochen, Modellprojekte zur Förderung des Niederdeutschen zu unterstützen. Für das Kita-Projekt liegt dem Bildungsministerium bereits ein Folgeantrag vor.

Die Studenten machen längst freiwillig weiter. Ihr Seminar ist vorbei, den geplanten Tierparkführer auf Platt werden sie mit den Kindern in ihrer Freizeit erstellen. Die Erzieherinnen sind froh über so viel Idealismus. Denn trotz der Renaissance des Plattdeutschen drohen auch Einschränkungen bei Kulturangeboten. "Früher haben wir als Kinder regelmäßig Gastspiele der Schweriner Fritz-Reuter-Bühne in Greifswald besucht", sagt Andrea Miraß. Ausgerechnet die einzige professionelle Niederdeutsch-Bühne im Land steht jetzt jedoch auf der Streichliste zur Rettung des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin.


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