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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 18:58 Uhr

"Die schwierigste Entscheidung"

vom

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2013 | 07:31 Uhr

Potsdam | "Ich musste in den letzten Tagen die sicherlich schwierigste Entscheidung meines Lebens treffen", sagte Matthias Platzeck: Amtsverzicht auf "dringenden ärztlichen Rat". So begründete der 52-jährige am 10. April 2006 seinen Verzicht auf den SPD-Vorsitz, nach nur 146 Tagen - ein Paukenschlag.

Mehr als sieben Jahre später eine Art Deja-vu: Wieder muss der einstige Hoffnungsträger der SPD ein Amt räumen, weil die Gesundheit nicht mehr mitspielt und den Ministerpräsidentensessel Brandenburgs freimachen. Zwei Hörstürze, dazu ein Kreislauf- und Nervenszusammenbruch waren damals die Alarmzeichen. Jetzt hat ein Schlaganfall den einstigen SPD-Hoffnungsträger zur Rücksicht gegenüber sich selbst und damit zum Rückzug gezwungen. Nun soll Innenminister Dietmar Woidke ihn als Ministerpräsident ablösen.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war Platzeck im November 2005 angelangt: Nach der Bundestags-Wahlniederlage, die die SPD die Kanzlerschaft gekostet hatte, schien es Zeit für einen Neubeginn in der Partei, auch an der Spitze: Platzeck war authentisch, ostdeutsch - eben nicht mit dem typischen "Stallgeruch" des westdeutschen Genossen, den selbst viele in der eigenen Partei inzwischen als Mief empfanden. Nach Schröderscher Basta-Politik und SPD-Chef Franz Münteferings straffer Führung wurde der 51-jährige Platzeck wie ein Messias gefeiert und mit einem nahezu sozialistischen Ergebnis von 99,4 Prozent SPD-Chef. Es war die Krönung einer seltenen Blitzkarriere. Dialog statt Diktat, Einfühlungsvermögen statt Macho-Gehabe.

Doch war nach kurzer Zeit Ernüchterung in der SPD eingekehrt: Für welche Positionen der Parteichef stand, war nicht richtig klar. Müntefering, sein Vorgänger als Parteichef, blieb als Vizekanzler der Großen Koalition in Berlin der eigentlich mächtige Mann. Platzeck rieb sich zwischen seinen Pflichten als Regierungschef in Potsdam und den Aufgaben als Bundesvorsitzender schnell auf. Körper und Psyche spielten nicht mit. Nach 146 Tagen kam der abrupte Abgang des Hoffnungsträgers, von dem die Partei sich neue Glaubwürdigkeit und neue Wählerschichten versprochen hatte. Im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, erklärte er sichtlich erschüttert seinen Rücktritt, blieb aber Regierungschef in Brandenburg.

Zur Politik war Platzeck über das Engagement für die Umwelt gekommen. In der Endphase der DDR gehörte der Abteilungsleiter Umwelthygiene in einer Behörde in Potsdam zu den Gründern einer Bürgerinitiative für Umweltschutz, nach dem Ende der DDR wurde er für das Bündnis90 in den Brandenburger Landtag gewählt. In der Ampelkoalition unter Manfred Stolpe wurde er Umweltminister - und trat in die SPD ein. Als Umweltminister wurde er beim Oder-Hochwasser geradezu eine brandenburgische Ikone und bundesweit bekannt: "Deichgraf" Platzeck, der überall Präsenz zeigte, um die Aktivitäten gegen das Jahrhundert-Hochwasser zu koordinieren. 1998 wurde er zum Oberbürgermeister von Potsdam gewählt, im Jahr 2000 zum SPD-Landesvorsitzenden und 2002 zum Ministerpräsidenten. Platzeck der Landesvater - eine Rolle, die er seit elf Jahren ausfüllt, sie genießt und die ihn doch auch letztlich überfordert.

Nach dem Debakel des Berliner Haupstadtflughafens BER hatte er sich im Januar auch noch die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft aufgeladen. Der Körper spielt nicht mit, diesmal erleidet er gar einen leichten Schlaganfall. Doch anders als 2006, als er nach eigenem Bekenntnis den Rat des Arztes zu lange ignoriert und an seiner politischen Funktion festgehalten hatte, hält er sich diesmal an die Ratschläge der Ärzte, und gibt das Ministerpräsidentenamt auf, um seine Gesundheit zu retten.

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