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Zu Hause bei ... Horst Rehberg : Die Schule des Weinens und des Lachens

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Ob als Liebhaber, König oder Gott: Horst Rehberg kann nicht lassen von den Brettern, die die Welt bedeuten. Seit 2003 lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Schwerin. Ein Porträt von Schriftstellerin Ditte Clemens.

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erstellt am 11.Apr.2012 | 02:00 Uhr

Schwerin | Der Mann hat eine gute Wahl getroffen. Er hat sich in Schwerin eine Wohnung gesucht, in der die Paulskirche ins Wohnzimmer schaut. Die Kälte verliert für mich an diesem Abend etwas von ihrer Bissigkeit bei dem vielen warmen Licht, das aus den Fenstern in der Franz-Mehring-Straße 30 auf die Straße scheint. Hier wohnt der Theater- und Filmschauspieler Horst Rehberg seit 2003 mit seiner Frau. Die Wohnung ist anheimelnd. Schokoladenbraune Kassetten an den Zimmerdecken, überall kleine Lampen, in nussbraunen Schränken zarte Gläser und Geschirr aus alter Zeit, ein Meer von Büchern in den Regalen und an so manches Buch lehnt sich ein Foto. Auf den Fensterbrettern stehen Schalen gefüllt mit Kieselsteinen. Sie haben extravagante Muster oder Formen, die den Händen schmeicheln. Solche atemberaubenden Schönheiten findet man nur, wenn man nicht mit erhobenem Haupt durch die Natur stiefelt und so kann man dann auch steinreich werden.

Fast entschuldigend erklärt mir Horst Rehberg, dass nicht er, sondern seine Frau die Wohnung so schön hergerichtet hat. Seine Frau ist die Schriftstellerin Jutta Schlott, die nicht nur bei der Einrichtung der Wohnung ein goldenes Händchen bewies, sondern nach Aussagen ihres Mannes eine großartige Köchin ist und das auch, wenn eine Heerschar von Gästen eingeladen ist. Fast 100 Menschen waren 2007 zu seinem 70. Geburtstag in der Wohnung und alle des Lobes voll für das köstliche Essen. Und endlich war Horst Rehberg wieder da. Gesagt hatte er ja immer, dass er nur in dieser Stadt alt werden will, aber würde er auch Wort halten? Diese Stadt ist seine Geburtsstadt. 1937 wurde er in Schwerin geboren. Als er gerade richtig laufen konnte, begann der Krieg. Sein Bruder, der zu seinem 17. Geburtstag eingezogen wurde, kehrte nicht zurück. Der Vater hatte sich 1945 das Leben genommen. Die Mutter stand nun mit drei Kindern allein da. Horst Rehberg erinnert sich noch genau, welch einen Überlebenskampf seine Mutter zu führen hatte. Er half ihr oft, wenn sie als Reinigungskraft arbeitete. Sie zuckte mit den Schultern, wenn Lehrer nach Hause kamen und ihr verärgert versicherten: "Der Horst könnte studieren, wenn er nicht so ein fauler Sack wäre". "Meine Mutter war sehr gütig", erzählt er. Die Bücher, die es zu Hause gab, staubte sie regelmäßig ab. Zeit zum Lesen fand sie nie. Aber Horst steckte seine Nase hinein. Und er war der Einzige, der regelmäßig den Plattenspieler bediente. Vielleicht lag es an seinen vortrainierten Ohren, dass ihn der erste Besuch im Schweriner Theater mit seiner Klasse so umgehauen hat. Er saß in der ersten Reihe direkt hinter dem Dirigenten, als der mit weißer Mähne wie ein Wirbelwind zu Verdis Oper "Othello" loslegte. Horst verkündete anschließend seinen Freunden, dass er Schauspieler werden will. "Warum nicht Sänger", frage ich nach. Aber darauf weiß er keine Antwort. Kurz nachdem er sich vorgenommen hatte, Schauspieler zu werden, war er auch schon auf der Bühne. Mit elf Jahren wurde er Statist. Und er stand im Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" eine Dreiviertelstunde lang stramm, obwohl sich in seinem Kostüm Flöhe tummelten. Die Gage (für den Auftritt 3 Mark und für die Probe 1,50 Mark) durfte er behalten, obwohl das Geld zu Hause immer knapp war. Aber er bekam oft von seiner Mutter zu hören: "Junge, wat willste bie’n Theater?"

Ihr Junge wusste schon, was er dort wollte. Mit 14 Jahren wurde er Leiter der Statisterie. "Mit 14?", frage ich. "Ich habe immer älter ausgesehen, weil ich so riesig war", antwortet er, "mein Geburtsgewicht betrug 11 1/2 Pfund und das verzog sich dann ganz schnell in die Länge. Und die Leitung der Statisterie war auch mit Bürokram verbunden, den nicht jeder mochte".

Zwei Jahre später beschlossen er und ein Freund, dass sie mehr von der Welt sehen wollten als nur die Bühne des Schweriner Theaters. Sie büchsten nach Westberlin aus. Doch weder dort noch in München bekamen sie eine der begehrten Rollen als Statisten. Die beiden jungen Männer konnten nicht fassen, was sie am 17. Juni 1953 in München hörten. Zu Hause sollte es eine Revolution gegeben haben. Das wollten sie mit eigenen Augen sehen. Doch davon war in Schwerin nichts zu spüren. Die Unruhen waren bald erstickt. Das Leben ging weiter. Horst Rehberg bekam eine Anstellung an der Fritz-Reuter-Bühne. Sein Vertrag lautete: Inspizient und 2. Liebhaber. Die plattdeutsche Sprache war ihm nicht fremd, da seine Mutter nur platt mit ihm sprach.

1955 bewarb er sich an der Berliner Schauspielschule. Die Jury amüsierte sich köstlich über seinen Auftritt, in dem an allen Ecken und Kanten die niederdeutsche Sprache aufblitzte. Dem Durchgefallenen wurde empfohlen sich in zwei Jahren noch einmal zu bewerben. Von 1957 bis 1960 studierte er dann an der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Er empfand es als großes Glück, dass man hier, im Gegensatz zur Leipziger Schauspielschule, Brecht nicht ignorierte. Nach dem Studium kehrte er nach Hause zurück und spielte große Rollen am Schweriner Theater. Es folgten ab 1963 Engagements an verschiedenen Spielorten. Horst Rehberg arbeitete als Schauspieler am Theater in Meiningen, Halle und Neustrelitz. In Meiningen und Neustrelitz inszenierte er auch Stücke. Als er 1975 Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" aufführen wollte, wurde die Premiere verboten. "Aus ideologischen Gründen" lautete die Begründung. Horst Rehberg, der Oberspielleiter des Schauspiels, wurde fristlos entlassen und fand erst einmal keine Arbeit mehr. Doch dann kam überraschend ein Angebot aus Rudolstadt, ein Stück von Ostrowski zu inszenieren. Es trug den Titel "Wie man Karriere macht".

In seiner kurzen Schauspielzeit in Halle lernte er den Regisseur Christoph Schroth kennen. Bis heute verbindet die Männer eine tiefe Freundschaft. Schroth gelang es, 1976 Horst Rehberg am Schweriner Theater zu engagieren. Wieder zu Hause erlebte er eine einmalige Zeit. Mit "Faust I und Faust II" sowie den "Antike Entdeckungen" gelang es, dass diese Spielstätte für Theaterenthusiasten und Unangepasste aus der DDR zum Wallfahrtsort wurde. Ein einmaliges Verhältnis zwischen Bühne und Publikum entstand.

Unter der Leitung eines Mannes zu arbeiten, der Theater zum Lebenselixier machte, empfand Horst Rehberg als großes Geschenk. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er und andere Schauspieler 1993 Schroth ans Cottbuser Theater folgten. Mit offenen Armen wurden die Fremdlinge dort nicht empfangen. Das angespannte Verhältnis änderte sich bald. Bis 2003 spielte Horst Rehberg in über 50 Inszenierungen und kurz vor der Rente in einem Stück seinen ersten Liebhaber. Nicht nur das Cottbuser Publikum, sondern auch Maskenbildner und Techniker, hatten bei der Abschiedsvorstellung Tränen in den Augen. Der neue Intendant in Cottbus wünschte sich, dass Horst Rehberg noch bleibt. "Ich brauche dich als Heldenvater", sagte er. Aber als gebürtiger Norddeutscher verstand er auch, dass der Rehberg endlich wieder dort sein wollte, wo der Himmel so weit und so offen ist.

Seit 2003 hatte er wieder Hüsung in Schwerin. Wenig später steht er in einer Gastrolle wieder auf den Brettern des hiesigen Theaters. Doch diesmal nicht so wie Anfang der fünfziger Jahre beim König Lear als Statist, sondern nun ist er der König. Die Begeisterung des Theaterpublikums ist groß. Doch diese Rolle ist nicht die wichtigste in seinem Leben, denn er hat viel Anspruchsvolles gespielt. Und das nicht nur in Theatern, sondern auch in Kino- und Fernsehfilmen. Aber es gibt eine Filmrolle, die nach seiner Meinung den Titel "Meine Bester" verdient. Und das ist der Werner in "Wolke 9" von Andreas Dresen. Ein Film, der auf eindringliche Weise zeigt, dass die Liebe kein Verfallsdatum kennt. Premiere hatte der Film 2008 bei den Filmfestspielen in Cannes. Regisseur und Schauspieler waren gespannt, wie das Publikum reagieren wird, denn Sex im Alter ist immer noch ein Tabuthema. Als das Licht im Saal wieder anging, standen die Menschen auf und applaudierten zehn Minuten lang. Dresen wird von wildfremden Menschen umarmt. Das sind für den Regisseur Momente, die er am liebsten in Bernstein gießen möchte. Durch diesen Film wurde Horst Rehberg in ganz Deutschland bekannt.

Als wir uns nach unserem Gesprächsabend in seiner Wohnung am nächsten Morgen zum Fototermin treffen, hat er gerade die Heimatzeitung gelesen. "Die dem Theater drohende Insolvenz ist erst einmal abgewendet", sagt er "das ist gut so, aber wie wird es weitergehen? Ein Theater ist doch kein Produktionsbetrieb. Es braucht Zuschüsse zum Überleben." Und es ist auch gut, dass die Schweriner für ihr Theater auf die Straße gehen, damit durch die finanziellen Kür zungsarien ihr Theater nicht auf Raten stirbt. "Theater ist die Schule des Weinens und des Lachens", hat Garcia Lorca einmal gesagt. Vielen Menschen war Horst Rehberg dabei ein guter Lehrer.

Wir gehen lange durch Schwerin. Er fühlt sich wohl in dieser Stadt. Schwerins Himmel zollt er immer Beifall, auch wenn die Beleuchter da oben - so wie heute - wieder einmal einen ganzen Tag lang streiken.

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